Nachruf auf Luigi Reitani:Arbeit an Europa

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Nachruf auf Luigi Reitani: Auch als Mittler zwischen Italien und Deutschland eine Großbegabung: Luigi Reitani im Jahr 2010.

Auch als Mittler zwischen Italien und Deutschland eine Großbegabung: Luigi Reitani im Jahr 2010.

(Foto: imago stock&people)

Gedankliche Schärfe und offene Gelehrsamkeit: Zum Tod des Literaturwissenschaftlers, Hölderlin-Übersetzers und Europäers Luigi Reitani.

Von Lothar Müller

Die Freundlichkeit, die ihn im Umgang auszeichnete, war nicht obenhin. Wer Luigi Reitani auf einem Podium erlebte, merkte rasch, dass sie auf Klärung aus war. Seine Rhetorik war wie seine Stimme von der eher leisen Art, ihre Eindringlichkeit verdankte sie der gedanklichen Schärfe. Die Eleganz, mit der er vom Deutschen ins Italienische und umgekehrt wechselte, ließ den Übersetzer ahnen, der in ihm steckte.

Er war vieles zugleich in Personalunion, Professor für Neue Deutsche Literatur in Udine und Moderator auf Buchmessen, Gastprofessor in Klagenfurt und Basel, Hölderlin-Herausgeber in Italien, von 2015 bis 2019 Direktor des Italienischen Kulturinstituts in Berlin, Organisator von Ausstellungen und Kolloquien, Mitglied im wissenschaftlichen Beirat des Freien Deutschen Hochstifts in Frankfurt am Main. Diese unangestrengt wirkende Vielfalt macht von dem Fleiß, der in ihr steckte, wenig Aufhebens.

In Foggia in Apulien war Luigi Reitani im Juli 1959 geboren, das Handwerk der Philologie hat er in Bari gelernt, wo in den frühen Achtzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts seine Dissertation über Arthur Schnitzler entstand. Er ging danach für mehrere Jahre nach Wien. Der Gelehrsamkeit, die sich in sich selbst verschließt, muss er früh eine Absage erteilt haben. Der Wiener Ordinarius Wendelin Schmidt-Dengler, seinerseits ein Gelehrter, der die Öffentlichkeit nicht scheute, mag dazu beigetragen haben.

Freiheit und Gleichheit können nur im Taumel des Wahnsinns genossen werden

Der österreichischen Literatur blieb Reitani zeitlebens treu, schrieb Aufsätze über Italien in den Gedichten Ingeborg Bachmanns oder die Musik in Thomas Bernhards "Untergeher", zugleich war er ein bedeutender Kenner der deutschen Literatur seit dem 18. Jahrhundert. In seinen Studien zu Goethe war er innerhalb der großen Tradition der italienischen Germanistik ein würdiger Nachfolger von Giuliano Baioni, und manchmal schien es, als habe er die Mittlerfigur zwischen Deutschland und Italien, zu der er mehr und mehr wurde, als Gegenentwurf zum pedantischen, erfolglosen Mittler aus Goethes "Wahlverwandtschaften" angelegt.

Als er 2015 nach Berlin ans Italienische Kulturinstitut am Rand des Tiergartens kam, hatte er kurz zuvor in Italien den Essay "Germania europea, Europa tedesca" (2014) publiziert, in dem er mit den italienischen Klischees über Deutschland aufräumte, die seit der Finanz- und Eurokrise aufgeblüht waren. Der Essay erschien zeitgleich mit einer konzisen Einführung in eine italienische Übersetzung von Goethes Schrift "Das römische Carneval", einem Musterbeispiel für die Leichtigkeit, mit der er es verstand, den philologischen Blick aufs Detail hin auf das Ganze der Kultur und die Anthropologie zu öffnen.

Der erste Text des aus Italien zurückgekehrten Goethe, im Mai 1789 publiziert, erwies sich als dichte Beschreibung und zugleich Reflexion einer von Eros und Tod bedrohten Ordnung, die in die beschwörende antirevolutionäre Formel mündet, "dass Freiheit und Gleichheit nur in dem Taumel des Wahnsinns genossen werden können".

Als er nach Udine zurückkehrte, behielt er seinen Wohnsitz in Berlin

Von der Energie und Genauigkeit, mit der Reitani während seiner Berliner Jahre an der Fertigstellung seiner 2001 begonnenen zweibändigen Hölderlin-Edition arbeitete, können deutsche Leser in dem Band "Hölderlin übersetzen. Gedanken über einen Dichter auf der Flucht" (2020) einen Eindruck gewinnen. Die Ausgabe selbst, ebenfalls 2020 bei Mondadori erschienen, setzte international Maßstäbe, etwa durch die Neudatierung von Hölderlins kleinem Text "Urteil/Sein" oder die Ordnung der Entwürfe zum unvollendeten Drama "Der Tod des Empedokles".

Die Gegenwart wie die Gegenwartsliteratur verlor der Philologe Reitani nie aus den Augen. Auf die Flüchtlingskrise des Jahres 2015 reagierte er auf Deutsch mit dem Band "Flucht in der Literatur - Flucht in die Literatur" (2016). Seine Artikel und Essays zur deutschen Literatur von Grass, Böll und Christa Wolf über W. G. Sebald bis zu Ingo Schulze und Herta Müller erschienen auf Italienisch in dem Band "Il Racconto della Germania".

Als er im Herbst 2019 auf seinen Lehrstuhl an der Universität in Udine zurückkehrte, behielt Luigi Reitani seinen Wohnsitz in Berlin bei. In einem Berliner Krankenhaus ist er am Sonntag gestorben, viel zu früh, im Alter von 62 Jahren. Er erlag trotz doppelter Impfung einer Covid-19-Infektion. Er hinterlässt eine große Trauergemeinde in Italien und Deutschland, die ihn als großen Anreger, Mittler und guten Europäer nachhaltig vermissen wird.

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