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Londoner Buchmesse:Nicht nur Markt

Die "London Book Fair 2015" ist an ihren Ursprungsort, in die viktorianischen Messehallen, zurückgekehrt. Statt wie bisher auf pressewirksame Highlights setzt sie nun auf politische Akzente - und grenzt sich von der Europaskepsis ab.

Es sei eine Heimkehr, sagte Jacks Thomas, Direktorin der London Book Fair (LBF). Die Londoner Buchmesse fand dieses Jahr wieder in den viktorianischen Messehallen in Olympia statt. Dort war sie 2006 ausgezogen, erst in die Docklands, dann nach Earls Court, wo die Hallen der LBF zuletzt aus allen Nähten zu platzen drohten. Nun, nach einer Grundsanierung der ehemals maroden Glas- und Stahlhalle in Hammersmith, kehre man an den "Ursprungsort" zurück, so Thomas. Den Neustart in Olympia mit 1700 Ausstellern aus 67 Ländern beging man mit der ersten offiziellen Eröffnungszeremonie in der Geschichte der Messe; die Ehre des Vollzugs wurde Fernsehköchin Mary Berry zuteil.

Obwohl die Ausrichtung der dreitägigen LBF als Handelsmesse sich auch in ihrer 44. Auflage nicht wesentlich gewandelt hat, war doch eine subtile Veränderung der Grundstimmung spürbar. So wurden in den letzten Jahren am ersten Messetag vor allem pressewirksame Ankündigungen strategisch platziert, etwa die des nächsten James-Bond-Romans. Diesmal wurden stattdessen zur Eröffnung die zwölf Gewinner des "EU-Preises für Literatur" bekanntgegeben. Die Messe war in diesem Jahr erstmals eine Partnerschaft mit diesem europäischen Förderpreis eingegangen, der es Autoren erleichtern soll, in andere Sprachen übersetzt zu werden. Die Kooperation ist angesichts des zunehmend europafeindlichen Umfeldes in Großbritannien ein überraschend unzweideutiges politisches Signal seitens der LBF.

Auch der Umstand, dass diesmal Mexiko im sogenannten Marktfokus der Messe stand, ist bemerkenswert. In jüngerer Vergangenheit feierte die LBF vor allem Länder, die viel zu investieren bereit waren - China, Saudi-Arabien, Türkei - mit aufwendigen Begleitprogrammen und protzigen Pavillons. Der mexikanische Stand ist traditionellen mittelamerikanischen Webstühlen nachempfunden und wirkt mit seinem hellen Holz, das bunte Fäden durchziehen, angenehm uneitel. Und während politische Kritik an den Zuständen in den jeweiligen Marktfokus-Ländern bei der LBF bisher ungern gesehen wurde, ist sie diesmal, neben Betrachtungen von "Wertschöpfungsketten" und Debatten über das Für und Wider des "magischen Realismus" sogar Teil des Programms. So berichtete die investigative Journalistin Lydia Cacho in einem Podiumsgespräch von den Gefahren, die auf jene lauern, die in Mexiko Korruption und die Verquickung von Politik und kriminellen Kartellen aufdecken.

Kein merkliches Echo fand in London übrigens der Tod von Günter Grass. Nur im Pavillon der Frankfurter Buchmesse gab es Pläne, eine Gedenknotiz aufzuhängen. Aus dem deutschen Sprachraum war im offiziellen Programm immerhin Conchita Wurst vertreten, die ihre Biografie vorstellte.

© SZ vom 16.04.2015

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