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Live in der Thomaskirche:Johannespassion zu dritt

Mit Schlagzeug, Cembalo und Tenor: Ein sehr mutiges Bach-Projekt am Karfreitag in Leipzig.

Alljährlich kurz vor Ostern eine der beiden großen Passionen von Johann Sebastian Bach zu hören, ist für viele Menschen ein Grundbedürfnis. Dass es sich dabei um eine nur teilweise säkularisierte Form des Gottesdienstes handelt, lassen in normalen Jahren besonders die Aufführungen am Karfreitag um drei Uhr nachmittags spüren, bei denen dasselbe geschieht wie zur gleichen Zeit in den Kirchen: Zur überlieferten Todesstunde Jesu wird der Passionstext rezitiert und gesungen, in der Konzertversion ausgeschmückt durch Arien und Chöre. Nun ist dieses Jahr kein normales, die Aufführungen sind allerorten abgesagt. Wem es rein um die Musik geht, kann zur CD greifen. Das Live-Erlebnis aber wird das kaum ersetzen können, weil zu seinen zentralen Elementen die Vergegenwärtigung des Passionsgeschehens in Echtzeit gehört.

Umso wichtiger wirkt es selbst unter den vielen Streamingangeboten der Gegenwart, dass auch an diesem Karfreitag Bachs Johannespassion live aus der Thomaskirche in Leipzig, dem wichtigsten Wirkungsort Bachs, zu hören und zu sehen sein wird. Der Tenor Benedikt Kristjánsson, die Cembalistin Elina Albach und der Schlagzeuger Philipp Lamprecht werden eine Fassung musizieren, die im vergangenen Jahr beim Podium Esslingen entstand.

Für das innovativen Konzertformaten gewidmete Festival dampfte Elina Albach Bachs Musik auf nur drei Musiker ein: Neben der Partie des Evangelisten übernahm Kristjánsson auch die Chöre sowie sämtliche Solistenrollen. Das wird er auch in diesem Jahr an Bachs Grab in der Thomaskirche tun, nur die Intention dürfte sich dabei verwandeln. Schließlich reagierte Albach mit der bewussten Reduktion vor allem auf einen gefühlten Überfluss, nach dem man sich dieser Tage durchaus zurücksehnen könnte.

Gemeinsam mit Kristjánsson, dem Sohn eines isländischen Bischofs, suchte sie deshalb nach einer neuen "Zuwendung zum Inhalt des Evangeliums und seiner Botschaft", wie sie sagt. Dafür ließen die beiden fast nur den Rohbau von Bachs Musik stehen, den vertonten Evangelientext, und verfremdeten den gewohnten Rest zu neuer Ungewohntheit. Die Choräle wurden von der Gemeinde der Hörer mitgesungen, die sich so, wie bei Bach intendiert, mit dem Passionsgeschehen identifizieren und damit auch der eigenen Sterblichkeit und Erlösungsbedürftigkeit bewusst werden sollen.

Die weltweite Bach-Gemeinde wird sich virtuell beteiligen

Dies dürfte in diesem Jahr selbst vielen säkularen Hörern leichter fallen, obwohl die Umsetzung sogar der reduzierten Version eine Herausforderung für Organisatoren und Behörden war. Michael Maul, der Intendant des Bachfests Leipzig, hatte Albachs Fassung ursprünglich für Juni eingeladen, wo sie von einer besonders großen Gemeinde hätte mitgesungen werden sollen. Schließlich wollte er in diesem Sommer das größte Bach-Familienfest aller Zeiten veranstalten, zu dem mehr als vierzig Bach-Vereinigungen und -Chöre aus allen Kontinenten nach Leipzig reisen wollten. Dass in vielen Ländern der Erde Reiseverbote nach Europa längst bis in den Juli reichen, gehört zu den Gründen, warum das Bachfest am vergangenen Montag abgesagt wurde.

Die weltweite Bach-Gemeinde wird sich nun dennoch beteiligen, wenn auch nur virtuell: Unter anderem haben Chöre aus Kanada, Malaysia und der Schweiz vorab die Choräle eingespielt. Auch der Thomanerchor ist dabei, der eigentlich seit 1850 für die Aufführung von Bachs Passionen in Leipzig zuständig ist und diese Tradition sogar während des Zweiten Weltkriegs aufrechterhalten hat. Es hat, auch das wird also Teil der tröstlichen Botschaft sein, noch schwierigere Jahre gegeben als dieses.

Livestream am Freitag um 15 Uhr auf den Homepages von MDR-Kultur und MDR-Klassik sowie bei Arte Concert und auf Facebook. Zeitversetzt wird das Konzert um 19 Uhr im MDR-Radio sowie um 23.50 Uhr im MDR-Fernsehen wiederholt.

© SZ vom 09.04.2020

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