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Literaturstipendiaten-Literatur:Der Empathie-Test

Dramatisches Finale in Gaspar-Noé-haftem Licht: In dem Roman "Flexen in Miami" von Joshua Groß, geboren1989, begleiten den Erzähler ständige Zweifel an der Echtheit der Welt.

(Foto: Julie Tupas/unsplash)

Gute Nachrichten für die deutsche Literatur: "Flexen in Miami", der Debütroman des 1989 geborenen Autors Joshua Groß, erzählt vom Leben mit Maschinen und nervt gewaltig.

Bevor wir zu den Dingen kommen, die den Roman "Flexen in Miami" des Nürnberger Autors Joshua Groß zu so einem nervenaufreibenden Kunstwerk machen, kurz erst einmal zur Handlung, denn die ist es sicher nicht: Ein junger deutscher Schriftsteller hat von einer gewissen "Rhoxus Foundation" ein lukratives Aufenthaltsstipendium in Miami bekommen, dort allerdings umgehend jegliche Geistesaktivitäten eingestellt und liegt nun den größten Teil des Tages kiffend und masturbierend im Bett. Jeden Tag stellt eine Drohne ein Paket mit Essen und Geld auf seinem Balkon ab, um seine grundlegenden Körperfunktionen aufrechtzuerhalten, eine automatisierte Grundversorgung. Auf unerklärliche Weise kommt es trotzdem zu einer Affäre mit der französischen Meeresbiologin Claire, die kurz darauf schwanger ist, allerdings nicht weiß, von wem. Infrage kommen der nahezu leblose Literaturstipendiat aus Deutschland und dessen Lieblingsrapper Jellyfish P, mit dem er sich in der Folge anfreundet.

Eine wichtige Rolle spielt außerdem eine virtuelle Welt namens "Cloud Control", in der sich die Avatare Tausender Spieler herumtreiben, ohne besondere Aufgaben erfüllen zu müssen. Das Besondere an dieser unberührten Welt ist, dass niemand weiß, von wem sie programmiert wurde. Sie wurde eher wie ein fremder Kontinent entdeckt und besiedelt und schon bald tauchen digitale Ureinwohner auf. Dass er in dieser Geschichte auf der falschen Seite steht, macht den Stipendiaten "traurig und wütend und ich war kurz davor, meinen Account zu löschen, unendlich angewidert von Cloud Control und mir selbst. Ich war schließlich schon in real life eine bleicher Neuankömmling mit westlicher Ausbeutermentalität". In emotionalen Ausnahmesituationen wie dieser leistet dem Erzähler ein sprechender Kühlschrank Beistand, der mit ihm via Chatnachrichten in Kontakt steht, ihm organisatorisch den Rücken freihält und sich während Beziehungs- und Identitätskrisen als guter Freund erweist.

Maschinen füttern und unterhalten den Erzähler, helfen bei der Erkundung des Selbst

Der Stipendiat aus Deutschland ist also umgeben von selbständig handelnden Maschinen, die ihn füttern, unterhalten und bei der Erkundung seines Selbst assistieren. Ihre Rolle ist zweideutig: Einerseits sind sie ihm zu Diensten, in der Prozesslogik von Niklas Luhmann aber haben sie natürlich längst die Kontrolle übernommen. Streng besehen ist der Erzähler für nichts mehr zuständig außer dem authentischen Erleben. Dieser Aufwand ist nicht zu unterschätzen. In einer Stadt wie Miami, die sich in erster Linie aus eingeölten, austrainierten Körpern und genussoptimierten Planbezirken zusammensetzt, ist authentisches Erleben affektiver Hochleistungssport. Als der Ich-Erzähler zum Beispiel ein Playoff-Spiel der Miami Heat besucht, sitzt auf einmal ein Doppelgänger des ehemaligen Basketball-Superstars Shaquille O'Neal neben ihm, der sich bald als der echte Shaquille O'Neal herausstellt, der mittlerweile als TV-Experte arbeitet und in dieser Funktion an den deutschen, bleichen Ich-Erzähler die latent existenzielle Interviewfrage richtet: "Was machst du hier?"

In Momenten wie diesen kommt die Realität mit den Kindheitsträumen des Erzählers auf eine Weise zur Deckung, die eine Panikattacke vollauf legitimieren würde. Bei der gleichen Veranstaltung lernt er seine Affäre Claire kennen, als nämlich in der Halbzeitpause die "Kiss Cam" auf die beiden gerichtet ist und sie auf der gigantischen Stadionleinwand erscheinen, womit die Aufforderung verbunden ist, einen telegenen Kuss abzuliefern. Den erkenntnistheoretisch bewegten deutschen Stipendiaten, der von sich behauptet, er könne sich "nicht verzeihen, fake zu sein", setzen diese Dinge einigermaßen unter Druck. Wie ein Verdurstender greift er nach jedem Authentizitätserlebnis, das sich ihm bietet, und die billigste Variante liegt eben immer noch im Rausch, denn "wenn man so drauf ist, dann ist alles, was eigentlich unecht ist, plötzlich echt".

Ist der Erzähler ein Mensch oder ein Android? Und lässt sich die Grenze noch ziehen?

Die einzigen Entitäten, die sich in diesem Roman als mental belastbar erweisen und zu strategischen, zielgerichteten Handlungen in der Lage sind, statt passiv zu driften, sind Maschinen. Die Drohnen füttern und überwachen den Erzähler, der Kühlschrank-Chip stabilisiert ihn emotional, die Einwohner der Cloud Control proben den Aufstand. Dass ihm sein eigenes Leben wie eine Simulation vorkommt, ist vor diesem Hintergrund nicht weiter verwunderlich. Der Erzähler wirkt, als sei er eine Figur in der erfolgreichen Alltagssimulation "Die Sims", die tastend zu Bewusstsein kommt. In Philip K. Dicks KI-Klassiker "Träumen Androiden von elektrischen Schafen?" erkennen die Androidenjäger den Unterschied zwischen Maschinen und Menschen an ihrer Empathiefähigkeit. In Joshua Groß' Roman würde der Erzähler diesen Test eher nicht bestehen. Der einzige Akteur in "Flexen in Miami", der über die Fähigkeit verfügt, sich in andere hineinzuversetzen, ist nicht etwa der dauerdösende, in teilnahmsloser Selbstbeobachtung erstarrte Ich-Erzähler, sondern der mit dem Internet der Dinge verbundene Kühlschrank.

Auch die auffällig mangelhafte Sprache des Erzählers nährt den Verdacht, dass er kein Mensch ist, zumindest noch nicht lange. Es wimmelt vor schiefen Bildern und Metaphern, dauernd "schlurchen" die Leute durch die Gegend, Handys werden konsequent als "Phone" bezeichnet. Der Text klingt ziemlich genau so, wie sich eine künstliche Intelligenz die Prosa eines jungen deutschen Literaturstipendiaten vorstellen würde. Ist die Angst des Erzählers, in einer Simulation zu leben, am Ende etwa begründet? Im letzten Teil des Buches scheint sich die Simulation einmal fast zu verraten, als der Himmel stundenlang lila ist, um das dramatische Finale in adäquat Gaspar-Noé-haftes Licht zu tauchen und der Erzähler angesichts dieser aufdringlichen Dämmerung selbst an den Himmel aus Cloud Control denken muss.

Ob sich die analoge und die digitale Welt an dieser Stelle nur im Bewusstsein des Erzählers überlagern oder ob er am Ende nicht doch tatsächlich in einer Simulation lebt, ob er überhaupt ein Mensch ist oder vielleicht tatsächlich ein Android, werden eines Tages die Experten in den Fanforen klären müssen. Hinweise für jede dieser Auslegungen finden sich reichlich. Die panische Sehnsucht des Erzählers nach echtem Erleben jedenfalls legt nahe, dass er sich seiner eigenen Echtheit nie wirklich sicher ist, und man sollte die Möglichkeit erwägen, dass diese Ungewissheit womöglich nicht metaphorisch gemeint ist. Und dass die Antwort am Ende auch lauten könnte, dass die Grenze zwischen analog und digital schon heute nicht mehr sinnvoll zu ziehen ist.

Joshua Groß: Flexen im Miami. Roman. Matthes & Seitz, Berlin 2020, 199 Seiten, 14,99 Euro

© SZ vom 30.03.2020

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