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Literaturpreise der Akademie:Das Staunen der Hagebutte

Georg-Büchner-Preis

Der Präsident der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung, Ernst Osterkamp, geleitet die Büchner-Preisträgerin Elke Erb auf die Bühne des Darmstädter Theaters.

(Foto: dpa)

In Darmstadt verlieh die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung den Georg-Büchner-Preis an Elke Erb.

Von Tobias Lehmkuhl

Als Ernst Osterkamp, der Präsident der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung, vor das aus bekannten Gründen praktisch leere Darmstädter Staatstheater trat und seine Hoffnung zum Ausdruck brachte, das Publikum im Internet möge dafür "exponentiell wachsen", pendelte die Zuschauerzahl auf dem Youtube-Kanal der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung, den Berichterstatter eingerechnet, zwischen vierzig und fünfzig.

Sie stieg, nach zwei Stunden und zum Höhepunkt der Veranstaltung hin, der Verleihung des Georg-Büchner-Preises an die Dichterin Elke Erb, auf knapp über achtzig, fiel dann aber noch vor Ende der Dankesrede auf unter siebzig.

Natürlich könnte man solche Zahlen ins Lächerliche ziehen oder sie zum Anlass nehmen, einen etwaigen Kulturverfall zu beklagen, aber sie sagen natürlich auch etwas darüber aus, wie ungeheuer wichtig es ist, wie stark das Bedürfnis ist, sich persönlich zu begegnen. Unter normalen Umständen hätten fast tausend Menschen der Preisverleihung beigewohnt, unter normalen Umständen wäre mit ihr die Herbsttagung der Akademie feierlich beschlossen worden. Aber diese musste ebenso ausfallen wie die Frühjahrstagung hatte ausfallen müssen.

Und so las Ernst Osterkamp zumindest die Namen all jener Mitglieder der Akademie vor, die seit der letzten Tagung, der letzten gemeinsamen Begegnung vor einem Jahr, verstorben sind. Es waren viele, und da ohne eine Tagung keine neuen Mitglieder hinzugewählt werden können, war es, wie ihr Präsident sagte, in jeder Hinsicht ein Annus horribilis für die Akademie.

Nun also die Preisverleihung, nicht nur des Büchner-, sondern auch des Johann- Heinrich-Merck-Preises für Essayistik und des Sigmund-Freud-Preises für wissenschaftliche Prosa. Zum ersten Mal überhaupt gingen alle drei Preise an Frauen, der Freud-Preis an Ute Frevert, Direktorin des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung, die sich in ihren Büchern und Artikeln wie keine Zweite und kein Zweiter der Gefühlspolitik nicht nur der alten Bundesrepublik widmet.

Auch in ihrer Dankesrede ging sie auf einige großer Gefühlsbegriffe ein, "Ehre", "Empörung", aber auch "Überraschung". Dieses Gefühl, in der gesteigerten Form des Staunens, war zuvor schon in Iris Radischs Dankesrede für den Merck-Preis aufgetaucht.

Die große Literaturkritikerin Radisch hatte ihr Aufwachsen in der Otto-Suhr-Siedlung in Berlin-Kreuzberg beschrieben, ein denkbar literaturfernes Aufwachsen, dem im Staunen über die Absurdität der Verhältnisse - von ihrem Zimmer aus konnte sie als Kind auf den Todesstreifen blicken, wo eine Frau aus der Nachbarschaft tagtäglich ihre Wäsche auf eine Leine hängte - gleichwohl schon immer die Nähe zur Literatur eingeschrieben war.

Radischs Rede entwickelte sich zu einem flammenden Plädoyer gegen die "sprachlich Dressierten" und gegen die "Konfektionssprache", wie sie einem Großteil der deutschen Gegenwartsbelletristik zu eigen ist, einer Belletristik, die ihre Themen allzu häufig in den aktuellen politischen Diskussionen finde. Darum sei ihre Relevanz nur eine geliehene. Wichtiger und bleibender erscheint Radisch die "innere Stimme". Diese vernehme sie etwa in den Werken von Nathalie Sarraute und Friederike Mayröcker.

Die Verse stecken voller "Zwinkern, Behaupten, Ausrufen und Anstupsen"

Damit war der Übergang zur Mayröcker-Freundin Elke Erb wie von selbst gegeben. Die diesjährige Büchnerpreisträgerin verfügt über eine derart eigene und eigenwillige Stimme, dass Erbs Laudator, der Dichter Hendrik Jackson, nicht umhinkam einzugestehen, dass er Elke Erb lange und auch bei ihrer ersten persönlichen Begegnung, schlicht nicht verstanden habe.

Nicht-Verstehen ist freilich die erste Voraussetzung für das Staunen, denn wer immer alles versteht, der hat niemals Gelegenheit zu staunen, dem ist jede Überraschung fremd. Nur wer nicht versteht, der entdeckt im "Dickicht die Leuchtraketen". Jacksons Laudatio war ein kleines Meisterstück in Sachen empatisch-tastender Annäherung an ein über fast sechs Jahrzehnte hinweg gewachsenes Werk, das erst einmal zum Stehenbleiben und Innehalten auffordert.

So kurz Erbs Gedichte sind, so langsam muss man sie lesen. Ihre Verse stecken, wie Jackson formulierte, voller "Zwinkern, Behaupten, Ausrufen und Anstupsen". Ihre Gedichte zielen nicht auf Erleuchtung oder Auflösung, stecken aber - Leuchtraketen, Dickicht - voll "jäher Ausleuchtungen". Jackson zitierte eine frühere Laudatio Friederike Mayröckers auf Elke Erb, in der sie gleichermaßen das "Zirkelige, Strenge, Wirklichkeit Abpausende" und das Zitternde, Zottelige, Fransende dieses lyrischen Werks hervorhebt: "Celans Unauflöslichkeit gepaart mit Brechtscher Eindeutigkeit".

In einem der Freundin in Wien gewidmeten Gedicht Elke Erbs wiederum heißt es: "Wie nur kann man Regen und Wind,/ also Fallen und Wehn, und Felsenkammwand/ und Hagebutte und eiserner Mund/ und Flügel in einer klaren Luft/ und Verschlucken an ihr zugleich sein?"

Wer möchte, kann Erbs Gedichte im soeben im Suhrkamp-Verlag erschienenen Auswahlband "Das ist hier der Fall", aber auch in all den bei ihrem treuen Verleger Urs Engeler erschienenen Einzelbänden nachlesen.

Nach dem gebührenden Abstand, der auf den Sitzen im Parkett des Darmstädter Staatstheaters eingehalten wurde, geleitete Ernst Osterkamp "in gebührender Nähe" die 82-jährige Preisträgerin auf die Bühne, um ihr dort die Preisbegründung vorzulesen. Wie zuvor schon die Laudationes von Gesine Schwan und Péter Nádas auf Ute Frevert und Iris Radisch, folgte Elke Erbs Dankesrede als Videoaufzeichnung. Kurz benannte sie den "Sprachtanz Büchners", um dann nichts als Büchner zu lesen, nämlich Passagen aus seinem Lustspiel "Leonce und Lena". So endete der Abend zwar denkbar publikumsfern, aber, wie Ernst Osterkamp sagte, "so büchnernah wie noch nie".

© SZ vom 02.11.2020

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