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Literaturhaus:Trend zum geselligen Lesen

Literaturhaus-Tagung widmet sich der Zukunft des Buches

Von Salomé Meier

Immer wieder wird die Apokalypse des Buches heraufbeschworen. Die jüngste Welle des Aufruhrs liegt zwei Wochen zurück, da veröffentlichte der Börsenverein des deutschen Buchhandels seine aktuellen Zahlen. Und diese fielen ernüchternd aus: Zwischen 2013 und 2017 haben 6,4 Millionen Deutsche, die zuvor regelmäßig lasen, nicht mehr ein einziges Buch erworben. Erstmals in der Geschichte des Dachverbands der Verleger und Buchhändler hat sich in den letzten vier Jahren damit das Verhältnis zwischen Buchkäufern und -nichtkäufern umgekehrt.

Entsprechend regelmäßig geraten besorgte Eltern, Verleger und Wissenschaftler angesichts der anhaltenden "Krise des Buches" in einen kollektiven Kulturpessimismus. Dabei wird nach wie vor gelesen, zwar vermehrt online: Medien, Blogs, Wikipedia-Artikel. Vor diesem Hintergrund diskutierte man im Literaturhaus in einer zweitägigen Tagung, organisiert von der Fakultät der Amerikanistik an der LMU, unter dem gleichnamigen Titel "wie wir lesen". Sieben Experten fragten in Vorträgen und Diskussionen nach den Ursachen und kultur- und bildungspolitischen Implikationen des zunehmenden Lese(r)schwunds, aber auch literaturtheoretisch nach dem Wandel von Inhalten und Akten des Lesens. Antworten fand man, natürlich, auch immer in der Literatur selbst.

Für Julika Griem, Direktorin des Kulturwissenschaftlichen Instituts Essen, sind die Zahlen des Börsenverbands symptomatisch für eine beschleunigte Gesellschaft im digitalen Kapitalismus. Unter dem Titel "Lebenszeit und Lesezeit" machte sie die Schnelllebigkeit des Alltags, die ständige Reizüberflutung als Ursachen für den Leserückgang aus. Aber auch der Zwang zur Selbstoptimierung spiele eine Rolle: Mit dem Partner abends eine Serie oder einen Film zu schauen, lässt sich als gemeinsames Erlebnis und Beziehungspflege eher legitimieren, als einzeln ein Buch zu lesen. Im Roman "Schlafen werden wir später" von Zsuzsa Bánk thematisiert die Erzählerin, eine Schriftstellerin, die mit ihrem Mann und drei Kindern in einer deutschen Großstadt lebt, die zunehmende Konkurrenz zwischen Eigenzeit und Zeit für Familie und Beziehung gleich selbst. Die Frage lautet nicht nur: Wer nimmt sich Lesezeit? Sondern auch: Wem wird sie genommen? Das Lesen bedarf angesichts knapper Zeit auch immer einer Legitimation.

Wohl gerade deshalb zeichnet sich in den vergangenen Jahren ein Trend zum geselligen Lesen ab: Lesungen und Literaturtage sind nach wie vor gut besucht und Formate wie "Eine Stadt liest ein Buch" boomen. Was aber bedeutet es, wenn zunehmend nur noch in gesellschaftlichen "Happenings" gelesen wird? "Das muss nicht schlecht sein.", sagte Julika Griem in der anschließenden Diskussion, die regelmäßig Lesegruppen an der Universität Essen erlebt, die hitzig über einen gelesenen Text diskutieren. Schwierig sei eher, wenn Studenten zu ihr kämen und Handbücher fürs Schnell-Lesen verlangten oder sich nicht ohne Anleitung an einen Text getrauten. Eine zärtliche Überforderung sei stets sinnvoller, als Texte in Kurzzusammenfassungen, vereinfachter Sprache oder nur noch mit Interpretationsschlüssel zu lesen.

Trotzdem: So etwas wie "falsches Lesen", das betonten einige Referenten gerade im Bezug auf Kinder- und Jugendliteratur, gibt es nicht. Denn auch sogenannte Schundliteratur kann mitunter lustvolle Begegnung mit Text sein, vielleicht der Anfang einer Entdeckungsreise. Und auch wortwörtlich "falsch lesen" stellt für die Schriftstellerin Ulrike Draesner ein gewinnbringendes Lesen dar: "Verhören. Verlesen. Und es bemerken. Und es nicht verwerfen. Also doppelt lesen: Das Gelesene und das Lesen. Darüber mag, wie eine Drohne, suchend, das eigene Schreiben kreisen. Halbbereit. Manchmal springt es an, meistens nicht."

© SZ vom 25.06.2018
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