Literaturhaus-Programm Existenzielle Seinsfragen

"Tiefenbohrungen" verspricht Reinhard Wittmann, Chef des Münchner Literaturhauses: Deshalb setzt das Literaturhaus auf Themen und Namen jenseits der Tagesaktualität, etwa Dago Jancar oder Adolf Muschg.

Von Ingrid Brunner

"Tiefenbohrungen" hat Reinhard Wittmann das Programm des Literaturhauses zum Literaturfest München 2015 genannt. Der Literaturhaus-Chef tritt bewusst einen Schritt zurück von der Tagesaktualität, um mit großen Autoren auf das große Ganze zu schauen. Die Gästeliste des Literaturhauses wartet dabei mit Überraschungen auf. Die neuseeländische Autorin Eleanor Catton etwa ist für ihren Roman "Die Gestirne" zur bislang jüngsten Bookerpreisträgerin gekürt worden. Tanja Kinkel, bekannt für ihre historischen Romane, wagt sich in "Schlaf der Vernunft" erstmals an die fiktive Verarbeitung der jüngsten deutschen Vergangenheit, des Terrorismus' der RAF und des NSU. Um "existenzielle Seinsfragen" soll es Wittmann zufolge gehen. Etwa in Anne Enrights Familienroman "Rosaleens Fest", in dem die Mutter vor ihrem Tod noch einmal die gesamte zerstreute und zerstrittene Familie nach Irland ruft. Oder wenn Rüdiger Safranksi in seinen Betrachtungen über die "Zeit", so der Titel seines Buches, nach dem Wert erlebter Zeit jenseits von Terminen und Leerlauf, von Gleichzeitigkeit und Multitasking fragt. Alle Autoren - darunter Adolf Muschg, Umberto Eco und Feridun Zaimoglu - schaffen es, die Fackel der Fantasie zu entzünden, den Leser in eine andere Realität, in ferne Länder und vergangene Zeiten zu entführen. Sie berühren Sehnsüchte, erzählen von Verlust, von verlorener Liebe in einem Kontext, der aktuell ist jenseits der täglichen Nachrichtenlage.

Besonders eindringlich gelingt dies dem slowenischen Schriftsteller Drago Jančar, der eine Liebesgeschichte im untergehenden Königreich Jugoslawien erzählt. In "Die Nacht, als ich sie sah" berichten fünf Personen von Veronika, die mit ihrem Mann Leo von Titos Partisanen abgeholt wird und spurlos verschwindet. Sie beschreiben eine exzentrische Frau, die mit einem Alligator promeniert, reiten kann wie ein "polnischer Ulan", ihren Mann für eine Amour fou verlässt, ihre Mutter hingebungsvoll liebt und Krieg für Nonsens hält. Ihre Ignoranz dessen, was um sie herum vorgeht, bewahrt sie nicht davor, in den Strudel der Zeit hinabgezogen zu werden. Ihr Geliebter, einst stolzer Major der Kavallerie-Schwadron, zieht ein bitteres Resümee: "Jegliches Exerzieren, das Salutieren, der Fahnenappell, all das ist mir fremd geworden. Nonsens, liebe Veronika, du hättest Nonsens gesagt. Nach allem, was ich in Bosnien, in der Lika und in den slowenischen Bergen kurz vor Kriegsende gesehen habe, ist dieses Exerzieren purer Nonsens." Klingt - leider - sehr aktuell.