Literaturfest Schöner als die Wirklichkeit

Der 91-jährige Martin Walser im Münchner Literaturhaus

Von Sabine Reithmaier

Es sei eine Selbstentblößung, das sei ihm klar, sagt Martin Walser. Aber er dürfe nicht Rücksicht darauf nehmen, was ihm dabei passieren könne. An heiterer Theatralik mangelt es nicht während der 75 Minuten, in denen er sein neues Buch "Spätdienst" (Rowohlt) vorstellt. "Lebensstenogramme" beschreibt der Verlag die Form; es besteht aus mal längeren, mal kürzeren Textsplittern, die Walser aus seinen Tagebüchern gelöst und zu einem lockeren Ganzen komponiert hat.

Eine halbe Stunde hat er daraus vorgelesen, das Publikum im vollbesetzten Saal des Literaturhauses hielt buchstäblich den Atem an, um nur ja kein Wort des 91-jährigen Schriftstellers zu versäumen. Jetzt versucht er im Gespräch mit Literaturkritiker Jörg Magenau zu erklären, warum er sich trotz der Selbstentblößung geschützt fühlt: dank der Sätze, die so gelungen, so schön sind, dass sie die Schutzlosigkeit aufwiegen. Ein Beispiel: "Das Alter ist ein Zwergenstaat, regiert von jungen Riesen." Prima, sagt Walser, genauso müsse man das darstellen. "Ich muss etwas so schön sagen, wie es in Wirklichkeit nicht ist. Das ist der Sinn des Schreibens."

Was auf gar keinen Fall passieren darf: Dass irgendjemand es wagt, diese Sätze als Aphorismen zu bezeichnen. Walser findet das schrecklich. Die Texte entstünden im Tagebuch. "Wenn ich schreibe, erfahre ich etwas, was ich nicht wusste, bevor ich schrieb." Das reicht. Basta. Auf eine Einordnung in literarhistorische Kategorien kann er verzichten. "Wenn man meine lieben Sätze Aphorismen nennt, tun sie mir leid."

Warum er sich trotz der vielen lyrischen Passagen nicht als Lyriker bezeichne, fragte Magenau. "Weil ich keiner bin", sagte Walser und verwies auf Hölderlin, der schon einer ist. Vierzeiler seien für ihn ein Allheilmittel, mit dem er auf alles mögliche reagiere, auch auf böse Kritiken. "Und wenn der Vierzeiler schön ist, was will der Kritiker dann noch." Denn mehr als schön ist nichts. Jedenfalls für Martin Walser. Und damit es gelingt, das Dasein durchs Schreiben schöner als die Wirklichkeit werden zu lassen, hat er auch einen Rat parat: "Lass alles weg, was du nicht kannst - dann bist du gut."