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Literaturfest München:Noch scheitert der Enteignungs-Kanon

Wende, Wechsel, Paradies: Ein vierteiliges Symposion in München beleuchtet die Welt nach 1989, Erfahrungen und Illusionen.

Der Reiz des Münchner Literaturfests besteht auch darin, dass es die Grenzen literarischer Welten konsequent überschreitet. Daher war es direkt schade, dass das gemeinsame Kanon-Singen, das der Literaturwissenschaftler Joseph Vogl im vierten Teil des Symposions "Fragen an die Welt nach 1989" anregte, nicht zustande kam. Doch auch so lieferte das Symposion, zu dem Ingo Schulze als Kurator am vergangenen Wochenende in die Bibliothek des Literaturhauses geladen hatte, eine Fülle an klugen Gedanken und gut erzählten Geschichten.

Dem Kapitalismuskritiker Vogl jedenfalls war aufgefallen, dass der Begriff "Enteignung" im Westen wie ein Elektroschock wirke. Zur Gewöhnung empfahl er, das schreckliche Wort im Kanon zu singen. Er diagnostizierte eine Herrschaft der Finanzökonomie als vierter Gewalt im Staat, hinter deren angeblich komplexer Logik er systemerhaltende Unvernunft ausmachte. Vogl kündigte an, seine Kunst des Schwarzmalens weiter zu perfektionieren und zitierte Kafka: "Es gibt viel Hoffnung, aber nicht für uns."

Zum Glück endete nicht jeder Symposionsteil so deprimierend wie der "Wechsel der Besitzverhältnisse". Hoffnung schöpfen konnte man unter dem Titel "An der Schwelle zur Zeitenwende". Dort erörterte Bénédicte Savoy mit dem Soziologen Stephan Lessenich und dem Schriftsteller Fiston Mwanza Mujila die globalen Auswirkungen der Provenienzforschung. Die Kunsthistorikerin, bekannt durch den von Präsident Macron beauftragten Bericht zur Rückgabe französischer Raubkunst nach Afrika, plädierte für eine neue Ethik der Beziehungen, berichtete von einem Treffen mit afrikanischen Museumsleuten in Dakar. Die Kollegen hätten sich Gedanken um mögliche leere Sockel in französischen Museen gemacht. "Sie haben sich überlegt, was sie uns geben könnten", afrikanische Gegenwartskunst vielleicht. "Gespräche auf Augenhöhe also, das ist gemeinsames Gestalten der Zukunft", sagte sie. Niemand wolle übrigens die Museen ausleeren, es gehe nur um Dutzende Objekte, die für Afrika wichtig seien.

Savoy spricht ungern von Restitution, weil es nicht "um das Wiederherstellen alter Verhältnisse" gehe, sondern lieber von der "Zirkulation der Kunstwerke". Auch Fiston Mwanza Mujila verwandte diese Formulierung. Der aus der Demokratischen Republik Kongo stammende und in Graz lebende Schriftsteller hat die wechselvolle Geschichte seines Landes dargestellt: 1885 vom belgischen König Leopold II. als Folge der Kongokonferenz in Berlin vereinnahmt, wechselte das Land nach der Unabhängigkeit von Belgien mehrmals den Namen, hieß von 1965 an Zaire, seit 1997 Demokratische Republik Kongo: "Jedes Mal ist alles, was vorher war, ausgelöscht worden." Das Land sei von einer kollektiven Amnesie befallen, die notwendige Trauerarbeit nie geleistet worden, klagte der Autor. Dies könne nur durch eine Zirkulation der Kunst eingeleitet werden. "Dann merken wir, dass wir alle zusammengehören." Und es könne endlich auch "Berlin" abgeschafft werden, zitierte Savoy die afrikanischen Kollegen, eben jene künstlichen Grenzen, die dem Land auf dieser Konferenz auferlegt worden waren.

Gegen die Abschaffung Berlins hatte der Wahlmünchner Stephan Lessenich nichts einzuwenden. Er attestierte der deutschen Gesellschaft aber, in einer "Beziehung der Beziehungslosigkeit" mit Afrika zu leben. "Es berührt uns nicht", sagte er. Dabei sei Solidarität unter Ungleichen die eigentliche Herausforderung.

Wie prägend koloniale Haltungen bis heute sind, ergründete man in den "Analogien des Blicks". Die Publizistin Daniela Dahn, die die Wende als Mitbegründerin des demokratischen Aufbruchs erlebte, fand die Methoden der DDR-Übernahme kolonial. 95 Prozent des Wirtschaftsvermögens seien in westliche Hände übergegangen. Sie machte ein Grundmissverständnis zwischen Osten und Westen aus: "Die eine Seite denkt, sie gibt ihr Letztes, die andere, ihr werde ihr Letztes genommen."

Die Schriftstellerin Manja Präkels, Jahrgang 1974, erinnerte sich an zwei Jahre Schule ohne Lehrpläne und Bücher, an Lehrer, die über Nacht verschwanden. "Ich habe - bei aller Freude - die Zeit als gewaltsam erlebt", sagte sie. Jugendklubs wurden geschlossen, die Rechtsextremisten seien sofort da gewesen, um Lücken zu füllen. Man habe zu lange weggeblickt, sagte der Journalist und Migrationsforscher Mark Terkessidis. Inzwischen seien die Strukturen verhärtet. "Wenn ich jetzt von offenem Rassismus betroffen bin und die Polizei hilft nicht, dann ist das dramatisch."

Wenig paradiesische Zustände also. Aber das Paradies habe sowieso ein Plot-Problem, hatte die Schriftstellerin Judith Schalansky schon im ersten Teil, "Einübungen ins Paradies", erklärt. Es lasse sich zu wenig darüber erzählen. Sie, 1980 geboren, besuchte erstmals ein vermeintliches Paradies, als sie 1991 mit den Eltern per Bus nach Lloret de Mar fuhr. "Sie wissen das, wir wussten es nicht", rief sie ins Publikum, als dieses bei der Nennung des Ortes schallend lachte. Es gehe niemals um ein Zurück ins Paradies, mahnte der Autor Frank Witzel, die Vertreibung sei ein wesentlicher Teil der Geschichte. Ethel Matala de Mazza, Professorin für Neuere deutsche Literatur an der Humboldt-Universität zu Berlin, bestand darauf, dass ein Paradies entweder in der Vergangenheit oder in der Zukunft liege und kein Ort sei, den man in der Gegenwart imaginieren könne.

Adam jedenfalls könne man dankbar sein, lobte die Runde. Er habe sich für das Verlassen des Mutterleibs entschieden, für Erfahrung und Bewegungsfreiheit. Wobei - Schalansky und Matala de Mazza überlegten kurz - eigentlich habe die Entscheidung Eva getroffen. "Und Adam musste mit."