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Literaturausstellung:Quark mit Pose

Urkundenübergabe 1970: Den Georg-Büchner-Preis erhielt Thomas Bernhard (links), den Johann-Heinrich-Merck Preis für Essay und Kritik Joachim Kaiser (Mitte), den Sigmund-Freud-Preis für wissenschaftliche Prosa Werner Heisenberg.

(Foto: Pit Ludwig/Deutsche Akademie)

Das Hessische Landesmuseum in Darmstadt dokumentiert Szenen der deutschen Kulturgeschichte aus den Beständen der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung.

Von Volker Breidecker

Wo der Aufruhr ausbleibt, wird er gerne herbeigetrommelt. So war es auch mit dem Skandalgerede im Nachgang zur Verleihung der Darmstädter Akademiepreise: Nahm ein Ex-Punker wie Rainald Goetz den Lorbeer des Büchnerpreises widerstandslos entgegen und las selbst ein alter Streithammel wie Otto Köhler seine Brandrede zu Ehren der "Schwarzen Botin" Gabriele Goettle und des serbischen Poeten Radovan Karadžić brav vom Blatt, mussten andere Geschütze her: Da geisterten über alle Ticker plötzlich die Buchstaben "Merck", die sowohl für den Namensgeber stehen als auch für den Sponsor des sonst eher wenig beachteten "Merck-Preises für literarische Kritik und Essay". Und weil Goettle diesen Preis zwar angenommen, das mit ihm verbundene Preisgeld aber einer pharmakritischen Initiative gespendet hat, war der Pharmahersteller Merck in aller Munde. Keiner wollte da noch von dem großen Darmstädter Kritiker und Goethe-Intimus Johann Heinrich Merck sprechen - außer Gabriele Goettle.

"Quark!", so zitierte sie in ihrer als Geistergespräch mit dem verblichenen Großkritiker inszenierten Preisrede dessen authentisches Urteil über Goethes "Clavigo". Deshalb konnte und durfte Goettle ihrem Merck, dessen "schonungslose Verständigkeit" schon Goethe bewundert oder gefürchtet hatte, auch Sätze in den Mund legen, in denen der einst unglücklich im Suizid Verendete sich geradezu "belustigt" darüber zeigte "dass Sie einen nach mir benannten Literaturpreis erhalten. Ich kann Ihnen versichern, ich selbst wäre für einen solchen Preis nie in Erwägung gezogen worden." Wohl wahr.

Der Namensgeber wäre für den Preis nie in Frage gekommen

Da trifft es sich gut, dass die Akademie diesem Preis und seiner 50-jährigen Geschichte wie der seines Nachbarn - des "Sigmund-Freud-Preises für wissenschaftliche Prosa" - eine Ausstellung gewidmet hat: Sie trägt den Titel "Geistesgegenwärtig" und will weniger Selbstbespiegelung sein als einen Faden aus der Kulturgeschichte der alten BRD aufrollen. Dass es um die Akademiepreise schon immer auch Zoff gab, ist wenig überraschend. Interessanter zu beobachten ist der Wandel des publizistischen Status unabhängiger Kritik. Was einst ein zwar umstrittenes, aber doch anerkanntes Gut war, steht heute unter Rechtfertigungsdruck: Der Rückblick auf den Merck-Preis zeige, so Akademiepräsident Heinrich Detering, "was verloren zu gehen droht". Dazu enthält das Begleitbuch einen lesenswerten Essay des Literaturkritikers Helmut Böttiger.

Auf dem Spiel steht nicht wenig, erst recht, wenn man erfährt, dass die Akademie ursprünglich gleich vier Preise neben dem Büchner-Preis im Auge hatte: Einen "Kurt-Hillebrand-Preis für Essay" - Hillebrand, ein vergessener 1848er, Sekretär von Heinrich Heine, entfernte sich aus dem unglückseligen Deutsch-Französischen Krieg von 1870/71 für immer nach Italien - und einen "Alfred-Polgar-Preis für die kleine Form", in Erinnerung an den von den Nazis vertriebenen Altmeister des deutschsprachigen Feuilletons. Am Ende blieben nur zwei Preise übrig, deren Träger sich oftmals gar nicht in die eine oder andere Kategorie einfügten, zumal die Merck- und Freud-Preise hin und wieder aus Verlegenheit anstelle des Büchner-Preises verliehen wurden. So 1976 im Fall von Peter Rühmkorf, dessen mechanische Schreibmaschine Monica in der Mitte der Ausstellung zu sehen ist, da der Dichter sich mit dem Merck-Preis eher als "Schreibmaschinist" gezeichnet, statt als Lyriker ausgezeichnet fühlte.

Stimmiger war die Preisvergabe 1970 an Joachim Kaiser: Unter dem Briefkopf der SZ begrüßte er es, "dass auch einmal Essayisten und Kritiker ein paar Lorbeerblätter bekommen", statt - wie es auf Darmstädter Rednerpulten in Herrenreiterpose auch später noch geschah - geschmäht und per Verdikt aus dem erlauchten Kreis ausgeschlossen zu werden.

In Bild und Schrift sind über drei Säle verteilt allerhand Zeugnisse und Devotionalien zu sehen. Bemerkenswert, wie die Akademie sich schon in den frühen Neunzigerjahren des virulenten Themas Fremdenfeindlichkeit annahm sowie der Einwanderungen in die deutsche Sprache als eines Prozesses kontinuierlicher, ebenso friedfertiger wie gastfreundlicher Anverwandlungen. Und auch schon vor Gabriele Goettle begegnet der Besucher Preisrednern, die sich zu den einst von Johann Heinrich Merck verkörperten Idealen der Kritik bekannten: Für den ebenfalls vorzeitig aus dem Leben geschiedenen Frankfurter Intellektuellen Lothar Baier hatte Merck auch noch im deutschen Schicksalsherbst 1989 "das Beispiel einer Kritik" hinterlassen, "die nicht im Sitzen stattfindet", die sich auch "nicht damit abfindet, fröhlich oder stirnrunzelnd zu rezensieren", die sich vielmehr auf dem ganzen Boden selbst umsieht, "auf dem sich das alles abspielt".

Geistesgegenwärtig. Szenen einer deutschen Kulturgeschichte. Hessisches Landesmuseum Darmstadt. Bis 10. Januar 2016. Das im Wallstein Verlag erschienene Begleitbuch zur Ausstellung kostet 19 Euro. Info unter: www.hlmd.de

© SZ vom 04.11.2015
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