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Literaturausstellung:Blaue Blume, schöne Lettern

Die Andere Bibliothek

Reästhetisierung der Buchkunst: Die Bände der "Anderen Bibliothek".

(Foto: Verlag)

Zum 30. Jubiläum würdigt eine Münchner Ausstellung "Die Andere Bibliothek".

Gestalterische Inkonsequenz ist so ziemlich das Letzte, was man der "Anderen Bibliothek" vorwerfen kann. 2005 beispielsweise erschien eine Ausgabe von August Strindbergs "Blauem Buch", und zwar mit blauem Einband, blauem Titel und auf blauem Papier gedruckt. Seit dreißig Jahren gibt es nunmehr die bibliophile Buchreihe, die selbst so etwas ist wie die blaue Blume der Buchkunst.

Die Initiatoren, der Schriftsteller Hans Magnus Enzensberger und der Buchgestalter Franz Greno, hatten 1985 angekündigt, mit den Veröffentlichungen "nicht aufzuhören, solange wir unzufrieden sind". Unzufrieden stimmte ein Buchmarkt, der mehr auf Masse als auf Qualität setzte. Dagegen entwickelten die beiden ihre Vision des seriellen Regelverstoßes: Jeden Monat sollte - ohne Rücksicht auf Buchmessen oder das Weihnachtsgeschäft - ein neuer Band aus Grenos Nördlinger Druckerei in die Welt geschickt werden. Inhaltlich legte man sich nicht fest, alles was interessierte, ging mit. Gestalterisch aber gab es klare Grundsätze: sorgfältig gebunden sollte jeder Band sein, in Blei gesetzt, auf holzfreiem Papier gedruckt, ohne Schutzumschlag und Klappentext. Das Handwerk des Buchdrucks zu retten, ja die gesamte Buchkultur - das war damals der Anspruch. Drunter tat man es nicht.

Enzensberger und Greno waren die Gründerfiguren der Reihe

365 Bände sind seither erschienen, die "Andere Bibliothek" hat zwei Verlagswechsel überlebt, die Umstellung von Blei- auf Computersatz, das Ausscheiden ihrer Gründungsväter. Derzeit wird sie von Christian Döring unter dem Dach des Aufbau Verlags in Berlin herausgegeben. Dieses Überleben sei schon irgendwie ein Wunder, sagt der Philologe Wilhelm Haefs im Eröffnungsvortrag des Kolloquiums "Das schöne Buch als Ereignis und Inszenierung - 30 Jahre Die Andere Bibliothek" an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Eine gleichnamige Ausstellung von Studierenden der Buchwissenschaften ist in der dortigen Universitätsbibliothek zu sehen. Das scheinbare Wunder des Erfolgs weiß Haefs rational zu erklären. Da wären zum einen die Gründergestalten. Enzensberger, idealer Werbeträger und gut vernetzt in der Verlagsbranche, ergänzt durch den experimentierfreudigen Greno, den Haefs als Pionier der Reästhetisierung des Buch-Designs würdigte.

Ein weiteres Alleinstellungsmerkmal der "Anderen Bibliothek" sei das Überschreiten der Genre- und Gattungsgrenzen gewesen: Ein Band konnte als "Augenzeugenbericht" erscheinen, ein anderer als "Glossar", "Essay" oder "Lügengeschichte". Am wichtigsten aber dürfte der Grundsatz gewesen sein, aus jedem Band ein individualisiertes Gesamtkunstwerk zu machen, ein Ereignis, geschickt vermarktet in den zugehörigen, aufwendig gestalteten Magazinen. "Meine sieben Kriege" ist solch ein Beispiel für das Verschmelzen von Innen und Außen. In der Kriegsreportagensammlung von William Howard Russell geht es nicht nur thematisch, sondern auch gestalterisch düster zu: Jede freie Fläche ist schwarz bedruckt.

Angesichts solcher Extravaganzen liegt der Verdacht nicht fern, es handle sich bei der "Anderen Bibliothek" um das elitäre Projekt einiger bibliomaner Idealisten. Ein Projekt allerdings, das nach Haefs' Schätzungen auf eine Gesamtauflage von etwa fünf Millionen kommt. Die Sehnsucht nach dem sinnlichen Leseerlebnis ist also kein Minderheitenphänomen. Oder, wie es Enzensberger und Greno formulierten: "Gerade in der Verkabelung der Branche sehen wir unsere Chance. Denn je abstrakter und gleichgültiger die Zeichen, die auf den Bildschirmen erscheinen, desto stärker wird das Bedürfnis, das, was wir wissen wollen, in die Hand zu nehmen." War diese Diagnose 1985 Anlass zur Hoffnung, so sollten, angesichts des heutigen Standes der Digitalisierung, die nächsten dreißig Jahre der "Anderen Bibliothek" mehr als gesichert sein.

Die Andere Bibliothek. 30 Jahre. Das schöne Buch als Ereignis und Inszenierung. Bis 9. Oktober in der Universitätsbibliothek der LMU München. Infos unter: www.ub.uni-muenchen.de