Literatur-Werbung Bis der Kopf platzt

Eine Abart des Superlativs ist die Fülle: Auf vier Seiten hintereinander heißt es im Luchterhand-Katalog über vier verschiedene Bücher: "Eine klassische Weihnachtsgeschichte voller Charme und Witz", "Ein fulminantes Buch voller Komik und Ironie", "Ein grandioser Roman voller absurdem Witz" und "Ein Mann voller Geheimnisse".

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Traumberuf Anglizist: "That's fein!"

Ob das immer schon so war? So dröhnend, so angekokst, so manisch laut? Anscheinend schon. Gérard Genette hat in "Paratexte. Das Buch vom Beiwerk des Buches" die Geschichte und Bedeutung des "Waschzettels" oder Klappentextes skizziert, - von der Frühform des "Prière d'insérer", also einer an die Presse gerichteten "Bitte um Einfügung" des vorgefertigten Textes in die Zeitungsseiten, bis zum heutigen Klappentext.

Die ersten Zusammenfassungen zu Büchern gab es im 18. Jahrhundert, zur Zeit der Diderotschen "Encyclopedie". Auch damals schon wurde hemmungslos gelobhudelt.

Anfang des 20. Jahrhunderts fingen die Verlage dann damit an, diese Texte den Rezensionsexemplaren in Form loser Blätter beizulegen. Als Großmeister des Klappentextes galt seinerzeit Emile Zola, der seine eigenen Romane beinhart über den grünen Klee lobte. Aus dieser Zeit stammt auch das englische Wort "Blurb", das schon im "Burgess Unabridged Dictionary" von 1914 so definiert wird:

1. Flamboyante Werbung; begeistertes Zitat 2. Vollmundiges Lob auf Buchumschlägen; meist voller liebedienerischer Adjektive und Adverbien, die behaupten, ebendieses Buch sei "die Sensation des Jahres".

Gegenseitige Lobeshymnen

Besonders gern drucken Verlage natürlich Blurbs bekannter Autoren. "Ein hinreißend schönes Buch mit einem wunderbaren Sinn für Humor und einem Hauch von Tragik" - Luchterhand gefiel Bernhard Schlinks hinreißend genau abgeschmecktes Lob mit einem Hauch von Blasiertheit so gut, dass es Hugo Hamiltons neues Buch auf ein und derselben Seite gleich zweimal damit bewirbt.

In Amerika sind Blurbs noch beliebter als bei uns. Man fragt dort befreundete Autoren, ob sie das eigene Manuskript nicht einfach unbesehen gut finden können und diesem Gutfinden in vier Zeilen, die sechs positiv konnotierte Adjektive enthalten sollten, Ausdruck verleihen können.

Man macht das natürlich wechselweise füreinander, und zwar derart schamlos, dass das amerikanische Spy Magazine jahrelang eine eigene Kolumne mit dem Titel "Logrolling in Our Times", also etwa "Gegenseitige Unterstützung in unseren Zeiten" führte, in der einzig kommentiert wurde, welche Schriftsteller einander diesmal wieder gegenseitige Lobhudeleien schrieben.

Lesen Sie auf Seite 3, wieviel ein Autor für die lobenden Worte von Kollegen aif den Tisch legen muss.