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Literatur und Zeitgeschichte:Ein Millimeter Zweifel

Mit dem Roman "Wir werden erwartet" über die Siebzigerjahre und die desillusionierende Erfahrung kommunistischer Parteiarbeit schließt Ulla Hahn ihre autobiografische Tetralogie ab.

Von Martin Ebel

Wahlplakate zur Bundestagswahl 1972

„Wählen ohne Reue“: Plakatwand zur Bundestagswahl 1972.

(Foto: AP)

Richard Wagner hatte drei Musikdramen für die Vorgeschichte gebraucht, ehe er in der vierten endlich von Siegfrieds Tod und dem Untergang der alten Götterwelt erzählen konnte. Auch Ulla Hahns Hilla-Palm-Saga ist eine Tetralogie geworden, und man wird den Eindruck nicht los, dass die vorangehenden drei Romane - "Das verborgene Wort", "Aufbruch" und "Spiel der Zeit" - notwendig waren, um überhaupt zur Frage zu gelangen: "Wie konnte ich nur?" Ja, wie konnte eine so kluge und sensible Person wie diese Hilla Palm, Alter Ego der Autorin, 1971 in die DKP eintreten! In die Partei der moskautreuen Kommunisten, die jeden ideologischen Schwenk der Mutterpartei mitmachten und die DDR in stolzer Ignoranz der Realitäten für den besseren deutschen Staat hielten? Eine Splitter- und Sektiererpartei, die bei den Bundestagswahlen 1972 gerade 0,3 Prozent der Zweitstimmen erhielt?

Fünf Jahre, bis 1976, hat Hilla (wie ihre Erfinderin Ulla) Plakate geklebt und vor Werkstoren agitiert - einmal wurde das schmächtige Persönchen dabei von einer hünenhaften Sekretärin niedergeschlagen. Hat Parteiversammlungen abgesessen und Basisarbeit im Viertel betrieben, den Abriss von Häusern verhindert, einen "Sandkasten für die Kegelhofstrasse" erkämpft. Hat für ein Krankenhaus in Nordvietnam gesammelt und für chilenische Flüchtlinge ihre Perlenkette verkauft. Hat ihre Hilfskraftstelle an der Uni und ihren Doktorvater verloren, das vertraute Köln für das noble Hamburg aufgeben müssen und ein Berufsverbot riskiert - es war die Zeit des Radikalenerlasses, vom eigentlich verehrten Bundeskanzler Brandt verabschiedet, um den Marsch der Systemveränderer in die Institutionen zu stoppen.

Wenn das Schreiben einer Autobiografie dazu dient, sich über das eigene Leben Klarheit zu verschaffen - und das gilt für die autobiografisch inspirierte Romanform, die Ulla Hahn gewählt hat, ebenso -, dann ist die fünfjährige Aktivität für die DKP der erklärungsbedürftigste Abschnitt im Lebensweg der Autorin, die zu den bedeutendsten und beliebtesten deutschen Dichterinnen der Gegenwart gehört. Die Erklärung, die sich auf vier Bände und 2500 Seiten ausgewachsen hat, ist für sie wie für die Leser von größtem Interesse: psychologisch, soziologisch, zeithistorisch und literarisch. Denn "Wir werden erwartet" schließt eine Bildungs-, Emanzipations- und Aufstiegsgeschichte ab, die in der neueren deutschen Literatur ihresgleichen sucht, und liefert zugleich ein Panorama der 50er- bis 70er-Jahre aus einer Perspektive, die den meisten Lesern, an "Generation Golf" und ähnliche Mittelstandsprosa gewöhnt, so unvertraut sein wird wie Geschichten aus dem fernen China.

Hilla Palm - wie Ulla Hahn, die Parallelsetzung kann künftig entfallen - ist "dat Kenk von nem Prolete", wie es im heimisch-rheinischen Tonfall heißt. Tochter des Hilfsarbeiters Josef Palm, aufgewachsen in Dondorf (recte: Monheim) am Rhein, in finanziell, geistig und emotional äußerst engen Verhältnissen. In den vergangenen Bänden konnte man verfolgen, wie sie sich durchbiss und durchkämpfte, dem prügelnden Vater, der neidischen Mutter den weiteren Schulbesuch abtrotzte, nach Köln zum Studieren ging und sich am Ende des dritten Bandes mit Hugo verlobte, einem Sohn aus wohlhabendem Hause: Finale und Happy End.

Die DKP bietet der Verstörten, Vereinsamten, Desorientierten eine neue Heimat

Aber da war ja noch was. Ein Fremdkörper in der Biografie einer Frau, die heute zum Hamburger Großbürgertum gehört, verheiratet mit Klaus von Dohnanyi, einst Bürgermeister der Stadt Hamburg und Staatsminister unter Helmut Schmidt. "Wir werden erwartet", der wirkliche Finalband des autobiografischen Vierteilers, macht aus dem Fremdkörper einen Fluchtpunkt, auf den das bisher Erlebte und Erlittene zuläuft.

Jede Emanzipations- ist auch eine Verlustgeschichte. In dem Maße, in dem sich Hilla aus Beschränkungen befreit, verliert sie zugleich Bindungen, Vertrautheit und Geborgenheit, entfremdet sich von den Eltern, der Verwandtschaft, der Heimat. Den größten Verlust erleidet sie, als der geliebte Hugo bei einem Autounfall stirbt. Diese den dritten Band beherrschende, fast penetrant positive Begleiterfigur hatte Hilla Halt und Orientierung gegeben, gemeinsam hatten sie sich ihren Weg durch Religion und Literatur und auch die oft karnevaleske Polit-Szene von 1968 gebahnt.

Der Tod Hugos und die folgende Trauerarbeit - sie ist bei Hilla auch eine Wut- und Hass-Arbeit - gehört zu den stärksten Partien des Buches. Die DKP bietet der Verstörten, Vereinsamten, Desorientierten eine neue Heimat. Vor allem eine, die ihr eine Annäherung an ihre Herkunft ermöglicht, ja wie eine logische Konsequenz ihres bisherigen Lebens erscheinen muss: "Jetzt wollte ich die Tochter meiner Eltern werden." Wenn man die Hilla-Palm-Saga als die große Liebesgeschichte mit dem Vater liest, die sie zweifellos ist, dann erhält sie mit der Entscheidung für den Kommunismus - und sei es in seiner borniertesten Ausprägung - gewissermaßen ein politisches Dach. Hilla kennt die "bedrückenden Auswirkungen proletarischer Lebensverhältnisse" gut genug, nun will sie dafür kämpfen, dass sich niemand mehr, wie ihr Vater, an der "Maschin" kaputtschaffen muss. Nach der ersten Lektüre des "Kommunistischen Manifests" träumt sie - beziehungsweise inszeniert die Autorin für sie - einen Traum, in dem ihr der "Baron von der Burg" Schweinebraten serviert, während ihre Mutter sich von der Fabrikantengattin schön machen lässt.

Ulla Hahn

Ulla Hahn, geboren 1945 im Sauerland, mit der Heldin ihrer Roman-Tetralogie nicht nur weitläufig verwandt.

(Foto: Julia Braun)

Parteiarbeit, das ist auch der Sprung von den Büchern und der Wissenschaft ins Leben, der Einsatz "für eine Sache, größer als man selbst". Hinzu kommen die intensive Überzeugungsarbeit einer Freundin und der zerschundene Rücken eines Altgenossen, der noch unter den Nazis gelitten hat. Zweifellos: Der Parteieintritt ist überdeterminiert. Und doch ist die Frage "Wie konnte ich nur?" nicht zum Schweigen zu bringen. Zumal der "Millimeter Zweifel" nie ganz verschwunden ist. Immer wieder meldet sich das Sprachgefühl Hillas, ihre Empfindlichkeit für Phrasen, Parolen und die Hässlichkeit des "Genitivgedonners". Intellektuelle und moralische Beschränktheit stoßen ihr auf.

Und dann kommt, spät aber entscheidend, die Konfrontation mit der realsozialistischen Wirklichkeit. 1975 fährt sie auf Einladung des Kulturbundes der DDR mit einer Delegation nach Ostberlin und Dresden. Ihr wird die heile Funktionärswelt vorgeführt, mit Reden aus vorgestanztem Blech, Solidaritäts-Besäufnissen und Lesungen gut gemeinter Parteilyrik, sie trifft aber in einer illegalen Disco auch auf junge Leute, die von Zensur, Druck, Verfolgung erzählen. Der Vortrag eines Morgenstern-Gedichtes bei einer Abiturfeier, erfährt sie, hat einen Eklat verursacht, weil darin das Wort "Mauer" vorkam! Auch in der DDR haben nicht die Arbeiter das Sagen, begreift sie, sondern die Bonzen. Bald nach der Rückkehr gibt sie das Parteibuch zurück. Die Episode ist ein Glanzstück des Buches.

"Du bist auf einem Umweg. Aber den musst du wohl machen", hatte ihr eine geheimnisvolle Frau in dunkler Kleidung, die ihren Weg gelegentlich kreuzt, zugeraunt. Eine Biografie ist keine Gleichung, in der x = a+b-c schön aufgeht. Ein Roman schon eher. Ulla Hahn gelingt in "Wir werden erwartet" die schwierige Balance zwischen Erlebtem und Erfundenem, auch das Zusammenspiel von damaligem und heutigem Ich, noch besser als im vorigen Band. Sie erlaubt sich, der eifrigen Parteigenossin immer mal wieder skeptisch über die Schulter zu schauen und deren Beobachtungen mit ironischen Spitzen zu versehen, etwa wenn sie den Vorzeige-Plattenbau spontan "scheußlich" findet, bis ihr "sozialistischer Auto-Korrektur-Automat" auf "praktisch" umschaltet.

Scharf beobachtet und voller sprechender Details ist dieser vierte Band. Und wie in seinen Vorgängern zeigt sich auch hier die Lyrikerin, im Sinn für treffende Bilder, im Drang zur Verdichtung, in der Verspieltheit vor allem. Immer wieder wird eine Formulierung, die ihr wie zufällig unterläuft, aufgenommen, gewogen und für gut (oder zu leicht) befunden, lässt sie "Sätze wie Eidechsen durch ihren Kopf schlüpfen". Zu poetischen Aufschwüngen kommt es immer, wenn der Rhein ins Spiel kommt, der Dondorfer Rhein, "unberühmt und unbesungen", jener unauffällige, "gewöhnliche" Flussabschnitt, der sie an den Großvater erinnert, den großen Tröster der Kindheit, der sie mit den Worten "Lommer jonn" zum Aufbruch rief - mit diesen Worten beginnt und endet jeder der vier Romane, auch dieser.

"Wir werden erwartet" erzählt schließlich auch von der Geburt der Lyrikerin Ulla Hahn. Gedichte, die sie später schrieb, waren schon in die ersten Bände eingeflossen. Nun lesen wir vom Auftauchen der Poesie aus der Frustration wissenschaftlicher Prosa. Die ersten Fingerübungen, auf die Rückseite von Exzerpten zu ihrer Dissertation gekritzelt, sind "eine Erlösung nach dem wissenschaftlich verdrehten Deutsch, das ich mir abverlangte". Die Fortsetzung des vierbändigen Entwicklungsromans der Ulla Hahn sind ihre Gedichtbände, sie sind das Gegenüber eines epischen Werks von hohem literarischen Rang und zeithistorischer Bedeutung.

Ulla Hahn: Wir werden erwartet. Roman. DVA, München 2017. 634 Seiten, 28 Euro. E-Book 19,99 Euro.

© SZ vom 07.09.2017

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