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Literatur und Unterhaltung:Die Leute wollen Instant-Genuss

Man muss sich natürlich in diesem Zusammenhang fragen, warum es überhaupt für "anspruchsvolle Literatur", "Hochliteratur" oder wie man das nennen will, noch ein nennenswertes Publikum gibt?

Man kann ja umgekehrt festhalten, dass die mehr als eine Million Menschen, die beispielsweise Daniel Kehlmanns Roman "Die Vermessung der Welt" zumindest gekauft haben - was auch immer der Grund dafür gewesen ist -, damit markiert haben, dass sie auf irgendeine Weise an diesem Teil der Kultur teilhaben wollten, dass es ihnen wichtig erschien, zumindest einen bedeutsamen Roman des Jahres zu erwerben, wenn nicht zu lesen, was im Falle dieses Buches nicht schwierig ist - sicher einer der Gründe für seinen Erfolg.

In dem Bedürfnis nach Teilhabe am kulturellen Feld "Literatur" artikulieren sich Reste der Bildungsgesellschaft, der Wunsch nach "geistiger Zeitgenossenschaft", während die Gegenstände, an denen sich diese Wünsche festmachen, oftmals entweder selbst schon Unterhaltung im Gewande der Literatur sind - gut gemacht, klug arrangiert, technisch durchaus auf der Höhe der Zeit, angenehm genießbar, verdaulich, schmerzfrei - oder als Entertainment inszeniert werden, wie bei Foster Wallace oder Bolaño, so dass Veranstaltungen, Ereignisse, Texte, Blogs produziert und Verkäufe generiert werden, kaum aber tatsächlich gelesen wird, weil dafür weder die Zeit in den heutigen Lebensentwürfen, noch die nötigen literarischen Kenntnisse oder überhaupt die Konzentrationsfähigkeit mehr vorhanden sind.

Die Diskurskartelle entstehen - gleichsam hinter dem Rücken der immer durchaus wohlmeinenden, mitunter moralisch völlig integren Teilnehmer - durch ein komplexes Gefüge wirtschaftlicher, kommunikativer und medialer Netzwerke, die letztlich aber immer einem kommerziellen Zweck dienen.

Die neu geschaffenen Literaturpreise - wie der "Preis der Leipziger Buchmesse" und der "Deutsche Buchpreis", die viel für sich haben - sind dabei durchaus ein Teil des kommerziellen und medialen Konzentrationsprozesses und generieren vor allem hohe Umsätze, was, wie gesagt, immanent gedacht, durchaus sinnvoll und nachvollziehbar ist. Gleichzeitig arbeitet die damit einhergehende radikale Blick- und Wahrnehmungsverengung mit an der Abschaffung des eigenen kulturellen Raums. So etwas hat man einmal negative Dialektik genannt.

Die Rückkehr des Spirituellen

Was bedeutet die Universalität der Unterhaltungsindustrie? Sie erklärt sich vor allem aus dem Fehlen des "Anderen", eines Horizontes der Veränderung, der neuen Lebensentwürfe, eines anderen gesellschaftlichen Lebens, eines anderen Systems, eines utopischen Gegenentwurfs.

Das alles ist weitgehend zu Recht spätestens durch die Umstürze des Jahres 1989 und das Ende des "real existierenden Sozialismus" und seiner Systeme diskreditiert und als Denkmodell und in allen sprachlichen Variationen und Schattierungen unmöglich geworden. Was damit den Menschen geraubt worden ist, ist noch gar nicht abzusehen.

Die - ebenfalls hochkommerzialisierte und in Wirklichkeit ähnlich entertainment-nahe - sogenannte Rückkehr der Religionen und des Spirituellen deutet auf die Bedürfnisse und Wünsche nach dem "Anderen", die die Menschen aus der erstickenden Immanenz eines zugleich immer anstrengenderen Lebens, auch des Überlebenskampfes, herausführen könnte. Im Politischen gibt es derzeit keine Instanz oder Gestalt, die auch nur ansatzweise solche Wünsche auf sich ziehen könnte.

Reste davon waren spürbar bei der globalen Euphorie angesichts der Wahl Barack Obamas ins Weiße Haus in den USA. Ob er überhaupt noch eine Chance für eine zweite Amtszeit bekommen wird, ist jetzt schon außerordentlich fraglich.

Der utopische Referenzrahmen ist weggebrochen

Die völlige Immanenz unseres derzeitigen gesellschaftlichen Lebens und die Notwendigkeit, aus dieser Welt zu entfliehen - Eskapismus im guten Sinne, ressentimentfrei gedacht, war immer schon ein Grund für die Entstehung von Kultur -, führen dazu, dass die kulturellen Produkte sich diesen Fluchtwünschen widmen, zugleich aber den Konsumenten nichts mehr "abverlangen" können, weil das nur vermittelbar wäre, wenn diese Anstrengung auch belohnt würde, wenn ihr Schmerz, der Schweiß, der Verzicht auf sofortige Gratifikation einen erkennbaren Nutzen hätte, etwas, das man "mitnehmen" und gebrauchen könnte.

Aber genau das wäre nur möglich, wenn es einen utopischen Referenzrahmen gäbe. Der aber ist weggebrochen.

Das führt dazu, dass zwangsläufig die unmittelbare Belohnung, der Instant-Genuss, der Spaß, die Verständlichkeit, das Gelächter - und natürlich alle Spielarten des Sexuellen - Spannung und Thrill, Horror und Schock (in immer höherer Dosierung) notwendig implementiert werden müssen, um die Leute überhaupt "abzuholen". Unterhaltungsliteratur ist ja ein Produkt, das quasi automatisch gratifiziert wird - die genretypischen Merkmale beinhalten immer die Auflösung, das Ende entlässt den Konsumenten aus dem Fluchtort und der Fluchtlandschaft, und keine Fragen bleiben offen. Das ist zugleich die Parodie der Erlösung.