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Literatur und KI:Wenn der Algorithmus dichtet

SZ-Zeichnung

Auf der Buchmesse vorgestellt: Wie künstliche Intelligenz dabei helfen soll, aus Büchern Bestseller zu machen.

Das erste Buch der deutschsprachigen Literatur, das mithilfe von künstlicher Intelligenz ein Bestseller werden soll, trägt den Titel: "Mareike, Martha und die Männer". Ein Mann lässt darin seine Freundin Mareike bei seiner Oma Martha als "Oma-Sitterin" im Schwarzwald zurück: "Und Mareike erfährt: Dieses Spiel spielt er nicht zum ersten Mal! Stinkewütend schnappt Mareike sich Martha." Es soll der Auftakt sein zu einem "humorvollen und aberwitzigen Roadmovie". Kunst kommt von KI.

Das Buch ist der während der Frankfurter Buchmesse prämierte Gewinner eines Wettbewerbs einer Hamburger Firma namens Qualifiction, die eine KI-Software entwickelt hat, die zwar nicht den menschlichen Autor abschaffen will, ihm aber doch mit dem Datenanalyse-Programm LiSA helfen möchte, den eigenen Text "objektiver einzuschätzen". Anders gesagt: Geschrieben hat "Mareike, Martha und die Männer" die Autorin Birgit Schlieper, die Jury war das Big-Data-KI-Programm LiSA. Es beruht auf Prinzipien, die auch bei KI-Anwendungen des Modeversandhändlers Zalando benutzt werden, und führte bei jedem der 250 Einsendungen eine "Themenanalyse", eine "Stimmungsanalyse", eine "Stilanalyse", einen "Figurenanalyse" und eine Leserpotenzial-Analyse durch.

Dass KI- und Big-Data-Anwendungen sich irgendwann Literatur und Sachbuch vornehmen, konnte man ja erwarten. Das digitale Grundgesetz besagt, dass alles, was gemacht werden kann, auch gemacht wird. Dass aber der literarische Ertrag so gering ist, erstaunt dennoch. Aus den LiSA-Schreibtipps geht etwa hervor, dass man versuchen solle, klar und knapp zu formulieren; oder dass man nicht "zu viele Themen" anreißen dürfe. Außerdem sei es geboten, frühzeitig einen Konflikt einzuführen, um "Interesse am weiteren Verlauf" zu wecken. Eine numinose Zauberformel ist etwas anderes.

Die Masse an Manuskripten, die Verlage mit LiSA potenziell prüfen lassen können, lässt sich allerdings vervielfachen. Die Entwicklung hat daher etwas Bittersüßes. Das wurde auch durch die Vorträge auf der Messe klar, in denen es um KI und wissenschaftliche Fachbücher ging. Da geht es - neben der Optimierung der digitalen Metadaten, damit Texte im Netz von Suchmaschinen besser gefunden werden können - schlicht um die Beschleunigung des Lese- und Schreibprozesses. Der Mensch werde nicht eliminiert, ihm werde Zeit gespart - um dann noch mehr Arbeit bewältigen zu können.

Der Verlag Springer Nature hat gerade das erste wissenschaftliche Buch veröffentlicht, das von einem Algorithmus erstellt wurde: "Lithium-Ion Bateries - A Machine-Generated Summary of Current Research". Den Tod des Autors mochte der Verlagsvertreter gnädigerweise nicht erklären. Er plädierte aber für eine Umwidmung, Autoren sind künftig als KI-Entwickler eher "Autoren von Autoren" oder eben "Machine Supported Text Designer".

Womit man immerhin beim zweiten digitalen Grundgesetz wäre: Etwas Besseres als den Tod findet man nicht überall.