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Literatur:Radikal, auch mit sich selbst

Sie liebte die Berge und den Chiemsee: Emma Haushofer-Merk mit ihrem Ehemann Max Haushofer vor alpenländischer Kulisse.

(Foto: Allitera Verlag)

Emma Haushofer-Merk war als Autorin und Frauenrechtlerin eine herausragende Persönlichkeit in München. Als sie 1925 starb, geriet sie rasch in Vergessenheit. Jetzt wurden zwei ihrer Bücher neu aufgelegt

Von Michaela Metz

Wie muss man sich einen typischen Alt-Münchner Roman vorstellen: provinziell und kleinbürgerlich, mit viel Spitzweg-Lokalkolorit? Und wie liest sich ein solcher Roman heutzutage - passt er noch in unsere moderne Welt?

Der Roman "Es wetterleuchtete" der Schriftstellerin Emma Haushofer-Merk aus dem Jahr 1922 beginnt so: Die junge Bürgerstochter Gustel Obermeier sitzt beim Hofmaler Ludwigs I., um für dessen Schönheitsgalerie porträtiert zu werden, in einer Reihe etwa mit der berühmten Lola Montez. "Im Liebreiz ihrer achtzehn Jahre, mit einem holdseligen, gleichsam leuchtenden jungen Gesicht. . . das Riegelhäubchen über den goldig-blonden Lockenbüscheln". Will man da weiterlesen? Im Jahr 2015?

Ja, es lohnt sich, Münchner Schriftstellerinnen wie Emma Haushofer-Merk oder Carry Brachvogel der Vergessenheit zu entreißen, wie es die Literatur- und Kulturwissenschaftlerin Ingvild Richardsen derzeit tut. Sie forscht schon seit einigen Jahren über beide Autorinnen und gibt ihre Bücher mit Biografien und historischer Einordnung neu heraus.

Was die Autorin und Frauenrechtlerin Emma Haushofer-Merk zwischen den Zeilen ihrer Münchner Altstadtidylle transportiert, ist kulturhistorisch bemerkenswert. In ihrem Roman spiegelt sie Stimmungen, die sonst verloren wären. Sie galt als wandelnde Chronistin Münchens, beschrieb alle Facetten: das Spießbürgertum, die Maler und Künstler, seine schönen Frauen. Sie zoomt hinein in die Lebensart der Münchner und lässt zugleich historische Schlaglichter aufblitzen - das "Wetterleuchten" der Ereignisse der Vormärzzeit bildet den Rahmen des Romans. Gefordert wurden da gleiche Rechte für alle, Pressefreiheit, öffentliche Gerichtsverfahren und Schluss mit Standesprivilegien. Als man hinüberschaute nach Paris, wo die Revolution tobte.

Was trieb die Münchner um in den Zeiten um 1848, außer die Erhöhung der Bierpreise? Als Lola Montez als Gräfin Landsberg die Stadt aufmischte und Ludwig I. ihretwegen abdankte. Als die Cholera 1854 ausbrach und die Menschen panisch aufs Land flohen. Als München sich zur Großstadt entwickelte. Schon kurz nach dem Close-up auf die schöne Gustel schwenkt Haushofer-Merk auf Frieda Romberger, die Protagonistin des Romans: "Sie sah auch viel reifer und ernster aus mit ihrer dunklen Gesichtsfarbe, den starken Brauen über den klugen Augen und einem scharf gezeichneten Profil." Möglicherweise das Alter Ego der Autorin?

In "Es wetterleuchtete" erscheint Frieda Romberger zunächst als graue Maus. Aber sie ist eine eigenwillige Persönlichkeit, die sich langsam, aber stetig ein selbstbestimmtes Leben erkämpft. Auch Emma Haushofer-Merk stammte aus einer angesehenen Münchner Familie. Ihr Großvater war Hofjuwelier, der Vater Historienmaler. Sie bleibt lange unverheiratet, ist zunächst jahrelang eine intellektuelle Freundin ihres späteren Ehemanns, des Dichters und Professors für Landschaftsmalerei, Max Haushofer. Frieda verliebt sich zunächst in den rebellischen Studenten Kuno, der doch nur ein Großmaul ist - aber ein Fluchtpunkt vor ihrem tyrannischen, spießbürgerlichen Vater, dem Stadtrichter Romberger. Sie begeistert sich für die revolutionären Ideen der Zeit und reißt nach einem Zerwürfnis mit ihrem Vater von zu Hause aus.

Doch Kuno braucht seine Freiheit, er steht nicht zu ihr. Im Hause ihres Onkels Valentin Obermeier findet Frieda schließlich ein neues Heim. Ihre Cousine Gustel macht mit dem Brauereisohn Adrian Sollbacher eine gute Partie, Frieda wird ihm zur klugen, platonischen Freundin. Doch niemand nimmt sie wirklich wahr, wie unsichtbar dient sie ihren Lieben. Und doch wehrt sie sich gegen Ausbeutung, wird zunehmend radikal, auch mit sich selbst. Doch im wirklichen Leben ist sie radikaler als in ihren Büchern. Emma Haushofer-Merk ist zu ihrer Zeit eine der führenden Frauenrechtlerinnen Süddeutschlands. Sie sieht den Konflikt zwischen Tradition und Moderne, "die vor der Frau die Schranken niederbrach und ihr die Freiheit zu eigenem Leben und selbständigem Beruf gab".

1913 gründet Emma Haushofer-Merk gemeinsam mit ihrer langjährigen Freundin Carry Brachvogel einen Schriftstellerinnen-Verein, den ersten seiner Art. Jahrzehntelang führt sie einen Salon, einen Treffpunkt von "bewegten Frauen", Künstlern und Schriftstellern. Doch sie ist auch begeisterte Alpinistin, liebt besonders den Chiemsee und seine Fraueninsel, wo es damals eine bekannte Münchner Künstlerkolonie gab. Viele ihrer Romane und Erzählungen spielen vor der Kulisse der bayerischen Alpen.

Emma Haushofer-Merk reflektierte Themen, über die auch heute noch Bücher und Feuilletons vollgeschrieben werden. Das Selbstverständnis der Frau, Selbstverwirklichung und Selbstbestimmung, die Bedeutung von Arbeit und Beruf oder der Kampf für gleichen und gerechten Lohn. 1925, ein Jahr bevor der Bestseller "Es wetterleuchtete" neu aufgelegt wurde, starb sie nach einer Operation. Nach ihrem Tod geriet sie rasch in Vergessenheit. Ihr Grab liegt noch heute im Kirchhof der Fraueninsel. Ihre Bücher werden nun im Allitera Verlag in der "Edition Monacensia" neu aufgelegt. Und am 11. Dezember (17 Uhr) zeigt das Bayerische Fernsehen einen Dokumentarfilm von Martin Otter und Ingvild Richardsen über das Leben und Wirken von Emma Haushofer-Merk.

"Alt-Münchner Erzählungen" und "Es wetterleuchtete" - Katja Schild liest aus Werken von Emma Haushofer-Merk; Dienstag, 17. November, 19 Uhr; Juristische Bibliothek im Rathaus, Eintritt frei

© SZ vom 17.11.2015
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