Literatur Lob der Vielfalt

Unmissverständliche Töne beim Bayerischen Buchpreis

Von Antje Weber

Hält unsere Gesellschaft keine Vielfalt mehr aus, keine Mehrdeutigkeit? Und welche Folgen hat jenes Verschwinden von diversen Apfelsorten, von unangepassten Meinungen? Dieser Frage geht Thomas Bauer in "Die Vereindeutigung der Welt" nach, was ihm eine Nominierung für den Bayerischen Buchpreis eintrug. Der Preisverleihung in der Allerheiligen-Hofkirche verschaffte sein vielfältig einsetzbarer Begriff der "Ambiguitätstoleranz" ein Generalthema: "Wir machen hier eine Ambiguitäts-Übung", beschrieb zum Beispiel die neue Jurorin und FAZ-Kritikerin Sandra Kegel das Verfahren, die Preisträger auf der Bühne auszudiskutieren.

Um auch in diesem Text gleich einmal zu viel Ambiguität oder Ambivalenz zu verhindern: In der Belletristik ging der Preis am Ende an die Berliner Schriftstellerin Lucy Fricke. Und im Sachbuch war es nicht Bauer, der den vom Börsenverein des Deutschen Buchhandels/Landesverband Bayern ausgelobten Preis entgegennahm, sondern Wolfram Eilenberger. Die vorausgehenden Diskussionen zwischen Kegel, Svenja Flaßpöhler und Knut Cordsen waren unterhaltsam, kontrovers und meist fair. Als Autor möchte man allerdings wohl nicht unbedingt anwesend sein, wenn Juroren dem eigenen Roman absprechen, überhaupt Literatur zu sein - oder ihn wegen fehlender Mehrdeutigkeit mit Kinderbüchern wie "Gregs Tagebuch" vergleichen.

Doch das ist eben der Preis für einen solchen Preis. Bei der Sachbuch-Diskussion musste zum Beispiel Bauer aushalten, dass man seinem Buch unpassende Beispiele vorwarf; Flaßpöhler bemängelte zudem unklare Begrifflichkeiten. Und so konnte sich Kegel letztlich mit diesem Vorschlag nicht durchsetzen, ebensowenig Flaßpöhler mit Svenja Goltermanns Studie "Opfer". Die spielt ihrer Meinung nach die heutige Inflation des Opferbegriffs "in aller Ambivalenz" durch; den Mitjuroren fehlte jedoch der Bezug zur Gegenwart. Und so kam schließlich der Berliner Autor Wolfram Eilenberger zum Zuge: Sein Werk "Zeit der Zauberer" über das "große Jahrzehnt der Philosophie" zwischen 1919 und 1929 verknüpft die laut Cordsen "fantastischen vier" Ludwig Wittgenstein, Walter Benjamin, Ernst Cassirer und Martin Heidegger. Auch Kegel fand das Buch "toll erzählt", und Flaßpöhler erfreute diese "narrative Philosophie auf höchstem Niveau" ebenfalls: "Chapeau!"

Bei der Belletristik legte die diesjährige Juryvorsitzende anschließend mit einem solch euphorischen Plädoyer für Lucy Frickes Roman "Töchter" vor, dass es die beiden anderen Kandidaten schwer hatten. Der Witz des Romans "Wie ich fälschte, log und Gutes tat" des bayerischen Quoten-Autors Thomas Klupp zündete nicht bei allen gleichermaßen. Und Inger-Maria Mahlke war für "Archipel" nicht nur bereits mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet worden; ihre Strategie des Rückwärts-Erzählens ermüdete insbesondere Cordsen. Bei Lucy Fricke jedoch waren sich die Juroren weitgehend einig: Ihre Roadnovel über zwei Frauen in der Mitte des Lebens, mit einem sterbenden Vater sozusagen auf den Fersen, besitze eine "unglaubliche Komik und Drastik", urteilte zum Beispiel Kegel; da störte auch nicht, dass Cordsen sich das Ende "ambiguitätstoleranter" gewünscht hätte. Fricke jedenfalls muss nun nicht länger das ambivalente Gefühl aushalten, in ihrem Leben bisher nur für unveröffentlichte Werke ausgezeichnet worden zu sein. "Wow", entfuhr es ihr, "mein erster Preis seit 13 Jahren!"

Und dann war da noch der "Ehrenpreis des Bayerischen Ministerpräsidenten" zu vergeben: An Stelle von Markus Söder gratulierte der Staatsminister für Medien, Georg Eisenreich, dem ebenfalls abwesenden Christoph Ransmayr, als "Weltenwanderer" derzeit in Griechenland unterwegs. Fischer-Verleger Jörg Bong las jedoch einen kraftvollen Brief des Schriftstellers vor, der die Chance genutzt hatte, nicht nur populistischen Politikern, sondern unserer ganzen Gesellschaft unmissverständlich die Meinung zu geigen. "Wir haben alles, aber wir fürchten uns", so ätzte er, unter anderem vor zu uns strömenden Menschen, die wir zuvor auf "Raubzügen" im Dienste von Wachstum und Wohlstandsmehrung ausgebeutet haben. Mit dem Erzengel Gabriel ließ Ransmayr seine sprachgewaltige Predigt enden: "Fürchtet euch nicht!" Von Ambivalenz kein Spur: Die Botschaft war eindeutig.