Literatur:Im Spiegel der Kinderaugen

Thomas Mann

Versteckte Gefühle: Thomas Mann machte es seinen Kindern schwer.

(Foto: dpa)

Thomas Manns Verhältnis zu seinen Kindern - eine Lesung

Von Astrid Benölken

"Jemand wie ich ,sollte' selbstverständlich keine Kinder in die Welt setzen", notierte Thomas Mann 1918 in seinem Tagebuch. Da war er bereits Vater von fünfen, das sechste, Michael, sollte nur ein Jahr später folgen. Die Beziehung zu seinen drei Söhnen und Töchtern galt als schwierig, in der Familie taten sich regelrechte Abgründe der Einsamkeit, der Rivalität und der Verzweiflung auf. Und doch hatten die Mann-Sprösslinge eine besondere Beziehung zu ihrem literarisch so berühmten Vater. Thomas Mann durch die Augen seiner Nachkommen zu betrachten - diesen interessanten Versuch unternahm nun die Monacensia in Kooperation mit der Juristischen Bibliothek bei der Lesung "Lieber Zauberer".

Mann-Experte Uwe Naumann hatte das Manuskript für den Abend erstellt und in sorgfältiger Kleinarbeit verschiedene, zum Teil noch unveröffentlichte Zitate der sechs Kinder über ihren Vater zusammengetragen. Gemeinsam zeichnen sie das Bild eines Mannes, der die Distanz zu seinem Nachwuchs pflegte, der als "beherrschtes Genie mit Stoppuhr" (Tochter Monika in einem Nachruf) seine Zuneigung sehr ungleich innerhalb der Familie verteilte und dessen Arbeitszimmer wie selbstverständlich Tabuzone war. Sein Sohn Golo sagte einmal, es wäre wohl etwas Besseres aus ihm geworden, wäre er als Neugeborener vertauscht worden. Klaus Mann, der es als Schriftsteller nie schaffte, aus dem literarisch übergroßen Schatten seines Vaters herauszutreten, geschweige denn die so tiefersehnte Akzeptanz für sein Schaffen von ihm zu bekommen, sprach sogar von einer "tiefen Uninteressiertheit" und einer "Eiseskälte" ihm gegenüber. Die ausgewählten Zitate der Mann-Kinder erzählen Szenen aus dem Leben eines Menschen, der in der Hungerszeit des Ersten Weltkriegs eine Feige zum Essen nicht unter allen Kindern aufteilt, sondern sie seiner Tochter Erika gibt, verbunden mit dem lakonischen Ausspruch: "Man sollte die Kinder schon früh an Ungerechtigkeit gewöhnen." Zugleich aber lassen die Zitate das Bild eines genauen Beobachters entstehen, der sich deutlich mehr Gedanken um seine Kinder machte, als es nach außen den Anschein hatte, und der, etwa in seinen Tagebüchern, oft zwar sehr direkt und unverblümt, aber auch mit viel Wärme über die sechs sprach.

Schauspieler Stefan Wilkening, bekannt von den Kammerspielen, vom Residenztheater sowie als Sprecher von Hörbüchern, lieh den Zitaten der Kinder aus Tagebucheinträgen, Interviewsequenzen und Zeitungsaufsätzen seine Stimme. Der Schauspieler weiß, wo die Lacher sitzen, wann das Erstaunen über den Menschen Mann wächst und spielt das bewusst aus. Seine akzentuierte, volle Radiostimme hangelt sich mit den Zitaten an Manns Lebensweg entlang, während er selbst mit Mimik und Gestik das Gelesene lebhaft unterstützt. Am Ende der Lesung wird seine Stimme weich und findet den versöhnlichen Ton, den auch die meisten Mann-Kinder nach dem Tod ihres Vaters vor 60 Jahren anschlugen. "Der Zauberer", zitiert Wilkening Golo Mann zum Schluss, erscheine ihm nach dessen Tod "viel sympathischer und menschlicher" als zur Zeit seiner Kindheit und Jugend.

© SZ vom 17.08.2015
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