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Literatur:Hast du was gehört von der b?

Die Geschichte einer ungewöhnlichen Klassenfahrt, mit einem tyrannischen Lehrer, der die Schüler drangsaliert und sie gegeneinander aufwiegeln will.

Von Anna Heidrich

Ein Jahr nach "Wörter mit L." ist jetzt im Carlsen Verlag der neue Roman von Tamara Bach erschienen, einer der renommiertesten deutschen Jugendbuchautorinnen. Bereits ihr Debüt "Marsmädchen" (2003), das von der Freundschaft und Liebe zweier Mädchen handelt, wurde mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis ausgezeichnet. In "Sankt Irgendwas", erzählt sie von der Studienfahrt einer 10. Klasse.

Der unmittelbare Einstieg macht schon Lust auf die Geschichte: "Hast du was gehört von der b?' ,Wieso gehört? Was ist denn passiert, ist was passiert?' ,Auf der Klassenfahrt.' ,Ich hab gehört, dass die jetzt alle verwarnt sind.' ,Wie verwarnt?' ,Eine ganze Klasse?" Das Getuschel auf dem Schulhof bildet den Rahmen der Geschichte, in der kurz darauf die Erzählebene gewechselt wird und ein Sprung in die Vergangenheit erfolgt, der die Klassenfahrt von Tag eins bis sieben aufrollt. Die Autorin baut geschickt die Spannung auf, lässt verschiedene Jugendliche zu Wort kommen, die die Ereignisse aus ihrer Perspektive darstellen. Auf den Ablaufplan des Klassenlehrers folgt das Protokoll der Schüler und schnell wird klar: Die Realität weicht von der Planung ab. Während die offizielle Agenda des Lehrers stichpunktartig Uhrzeiten, Orte, Programmpunkte auflistet, halten die Schüler das von der Planung abweichende Geschehen emotional fest, ähnlich Tagebucheinträgen. So entsteht Situationskomik, etwa bei Kommentaren zur Busfahrt: "22.15: Man fragt, ob man eine Pullerpause machen könnte. Pullerpause ist erst in einer halben Stunde angedacht. 22.25: Pullerpause wird aus basisdemokratischen Gründen vorverlegt." Der Konflikt zwischen Lehrer und Schülern wird immer heftiger: Nicht nur, dass er die Schüler drangsaliert - bei Unwetter durch den Wald treibt, Standpauken hält. Er lässt die gesamte Klasse für Fehltritte Einzelner büßen und versucht, die Schüler gegeneinander aufzuwiegeln. Ernüchterung und Frust über die enttäuschten Erwartungen an eine Fahrt fern ab vom eintönigen Schulalltag machen sich breit. An Tag sechs dann der Eklat: Dem Busfahrer reißt der Geduldsfaden, er lässt den "Klassenfahrtsgrinch" am Museum zurück und stellt die Schüler vor die Entscheidung: "Wir können wieder zurückfahren, wenn ihr das wollt. Aber ich überlasse das jetzt euch. Was wir weiter tun."

Mögen Details wie das Handyverbot auf der Klassenfahrt und die Konzeption des Lehrers, der überzogen streng und unfähig ist, sich in die Schüler einzufühlen, im Jahr 2020 irritieren, die Geschichte bleibt glaubwürdig. Es ist das Spiel mit der Vorstellung, was hätte passieren können und doch ausbleibt: kein Alkohol- und Drogenexzess, kein physischer Angriff des Lehrers auf die Klasse. Stattdessen wächst die Solidarität zwischen den Schülern und sie stellen sich die Frage: Wann gilt es, sich für andere einzusetzen und den Ungerechtigkeiten Widerstand zu leisten? Die Autorin zeichnet mühelos, humorvoll und mit einem feinen Gespür für Situationen und Stimmungen die Unbefangenheit und Zuversicht der Jugendlichen nach. Ihre Selbstverständlichkeit, Gegebenes infrage zu stellen. (ab 13 Jahre)

Tamara Bach: Sankt Irgendwas. Carlsen Verlag, Hamburg 2020. 128 Seiten, 13 Euro.

© SZ vom 23.10.2020
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