Literatur Gnade weiß von keinem Zwang

Tanja Kinkel hat einen Roman über die RAF geschrieben. Im Literaturhaus stellt sie ihn vor

Interview von Susanne Hermanski

Wer den Namen Tanja Kinkel hört, denkt zunächst an Romane, die um mittelalterliche Minne, Casanova oder die letzte Kriegerkaiserin der Mongolen kreisen. Und wenn er erfährt, dass sie beim Literaturfest ein neues Buch vorstellt, freut er sich vielleicht schon auf ein paar Stunden, in denen er einmal der harschen Realität von Maschinengewehrsalven und IS-Terror entfliehen kann. Doch so berechenbar ist die Münchner Bestsellerautorin nicht. Ihr neuer Roman "Schlaf der Vernunft" (Droemer Knaur) verfolgt ein zeitgeschichtliches Thema: den deutschen Terrorismus. Sie erforscht darin die politischen Verwicklungen um die RAF und die Frage, ob es eine Schuld gibt, die verjährt. Nach 20 Jahren Gefängnis wird darin Martina Müller gleichzeitig mit der RAF-Auflösung begnadigt. Ihre Tochter Angelika soll Martina nun beistehen, obwohl die Mutter jede Verbindung abgebrochen hatte. Um herauszufinden, ob sich ihre Mutter geändert hat, folgt Angelika Martinas Spuren.

SZ: Sie waren noch ein Kind, als die RAF Deutschland erschütterte, wieso haben Sie einen Roman über diese Zeit geschrieben?

Tanja Kinkel: Ich bin 1969 geboren, und ich habe noch an vieles sehr starke Erinnerungen, obwohl oder gerade weil ich diese Zeit nicht als Erwachsene erlebt habe. Die Fahndungsplakate hingen ja in jeder Bank, jeder Postfiliale, überall, und man konnte zusehen, wie nach und nach die Gefassten ausgestrichen wurden. Als Kind erschien mir das fast wie in einem Western. Aber der Ernst dahinter war mir schon bewusst.

Sie hatten aber auch im Freundeskreis Ihrer Familie in Bamberg Kontakt mit Menschen, die konkret betroffen waren.

Ein guter Freund meiner Eltern, Dr. Hans de With, war in dieser Zeit Parlamentarischer Staatssekretär im Justizministerium. Sein Sohn hat mir sogar Mathe-Nachhilfe gegeben. Das hat bedeutet, dass die de Withs auf einmal nicht mehr normal zu uns zu Besuch kommen konnten, ohne dass vorher Personenschützer vorbeigeschaut haben. Da denkt man sich schon als Kind, was soll das jetzt?

Dieses Fahndungsplakat mit den damals meistgesuchten Terroristen der RAF verbreitete das Bundeskriminalamt 1980.

(Foto: SZ Archiv)

Ein anderer, dessen Name mit der Geschichte der RAF verbunden ist, ist Klaus Kinkel. Auch wenn es sogar falsch in Archiven steht: Mit ihm sind Sie nicht verwandt?

Nein, aber wir haben uns schon vor vielen Jahren kennengelernt, weil auch er auf diese Namensverwandtschaft angesprochen worden war. Im Zuge der Recherchen für das Buch habe ich mich mit ihm auch wieder mehrmals getroffen.

Wobei konnte Ihnen Klaus Kinkel helfen?

Er hat nicht nur Fragen beantwortet, sondern auch Protokolle zur Verfügung gestellt von Gesprächen, die er in den Achtzigern mit Brigitte Mohnhaupt und anderen führte. Der große Vorteil war: Diese Eindrücke waren noch nicht gefärbt von Erinnerungen und dem Wissen, das danach kam.

Infolge seiner sogenannten Kinkel-Initiative wurden Anfang der Neunzigerjahre beinah alle damals immer noch einsitzenden RAF-Terroristen entlassen. Ihr Buch beginnt mit der Begnadigung einer RAF-Terroristin. War Gnade für die Terroristen zu zeigen, denn der richtige Schritt?

Ich könnte mit Shakespeare antworten: "Die Art der Gnade weiß von keinem Zwang." Ich fand das war enorm mutig von Klaus Kinkel als Justizminister. Die Freilassung neun minderbelasteter RAF-Häftlingen 1993 sowie die Aussicht auf ein vermindertes Strafmaß für die restlichen hat möglichen neuen Anhängern die Grundlage entzogen. In der Folge gab es keine Märtyrer-Figuren mehr. Es war immer ein Fehler, für die RAF-Terroristen Sonderlösungen zu suchen. Ihnen einen eigenen Hochsicherungstrakt und ein Prozessgebäude in Stammheim zu bauen, sie nicht wie andere Mörder zu verurteilen, sondern ihnen so zu bestätigen, sie seien politische Gefangene, hat sie unangemessen aufgewertet.

Tanja Kinkel, geboren 1969 in Bamberg, gewann mit 18 Jahren erste Literaturpreise.

(Foto: imago)

Trotzdem schildern Sie differenziert die Position einer Mutter, die ihr Kind verließ, um sich der RAF anzuschließen. Haben Sie durch den Roman selbst mehr Verständnis für die Motive der RAF entwickelt?

Für die Anfangsmotivation der ersten Generation ja. Dazu kommt, dass ich einige Dinge herausgefunden habe, die ich sonst als Propaganda abgetan hätte. Zum Beispiel über den Hungertod von Holger Meins im Gefängnis. Dass damals der Direktor und der Gefängnisarzt übers Wochenende wegfuhren, während ein Mann in ihrer Obhut war, der nur noch knapp über 40 Kilo wog, sie Ärzten von außerhalb den Zugang aber verweigerten, ist mir unverständlich. Und das war es vielen, die sich in der zweiten Generation radikalisiert haben. So ist es auch bei Martina im Roman. Aber ich habe prinzipiell kein Verständnis für Terroristen und deren grenzenlose Selbstgefälligkeit. Sie machen mir Angst. Ihre Mitleidslosigkeit. Wie Terroristen Menschen zu "Schweinen" herabwürdigen, die sie auch so titulieren und damit eine Begründung haben, sie einfach abzuknallen, das schockiert mich. Das sind ja immer dieselben Mechanismen. Im Fall des IS ist es natürlich dasselbe. Aber ich sehe auch mit Schrecken Leute, die hierzulande wieder Figuren von Politikern an Galgen durch die Straßen tragen.

Aber derartige Hetze bleibt nicht ungeahndet in Deutschland.

Trotzdem haben wir schon seit mehr als einem Jahr mit Pegida zu tun, und populistische Politiker nützen die Flüchtlingskrise und nun auch noch den IS-Terror für ihre Parolen. Und wenn man an die Folgen von 9/11 denkt - die Wiedereinführung der Folter als Verhörmethode - und was jetzt nach den IS-Anschlägen noch kommen mag, das ist beängstigend.

"Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1969" von Frank Witzel hat den deutschen Buchpreis 2015 erhalten. Sind Sie erschrocken über die Verwandtschaft seines Themas?

Ich war offen gestanden beruhigt, als ich sah, dass es sich bei seinem Buch eher um experimentelle Prosa handelt. Für mich stand das Thema als Roman schon lange fest. Neben dem kleinen biografischen Hintergrund in meiner Kindheit bin ich später beim Studium in München noch dafür interessanten Leuten begegnet. Als ich dem Pen beitrat, habe ich viele Alt-68er kennengelernt, die noch bei Demonstrationen zusammengeschlagen worden waren. Und ich habe Menschen getroffen, die der Gruppe Freizeit 81 angehörten. Also Leute, die, anders als die RAF, nie gewalttätig waren. Aber einige dieser Gruppe haben sich später der dritten Generationen der RAF angeschlossen.

Tanja Kinkel: Schlaf der Vernunft

Eine Leseprobe aus dem Roman finden Sie hier (Internetverbindung erforderlich).

Verfolgen Sie das aktuelle Geschehen?

Natürlich. Die Anschläge, die Europa aktuell erschüttern, aber auch die NSU-Prozesse. Die Protokolle, die die SZ veröffentlicht, lese ich immer. Ich habe mich darin von der Psychologie und den emotionalen Reaktionen erinnert gefühlt an das, was ich über die erste Generation der RAF gelesen habe. Ideologisch ist er das andere Extrem. Aber da fällt einem immer auch Horst Mahler ein, der als RAF-Mitbegründer von einst heute bei der NPD ist und immer betont, er habe sich nicht im Geringsten verändert.

Kennen Sie eigentlich auch Akif Pirincci persönlich?

Wir waren beim selben Verlag. Ich mochte sein Buch "Felidae". Aber dass er eine sexistische Einstellung hat, war damals schon nicht zu übersehen; dass er solche rechtsradikale Positionen hat, war mir da aber noch nicht zu erkennen.

Sie haben schon mehr als 15 Romane geschrieben - einfach so, ohne Deadline. Wie macht man das als Schriftstellerin?

Bei uns Autoren ist unser Lebensunterhalt die Deadline. Wenn wir nichts veröffentlichen, wird es auch nichts mit der Miete.

Das gilt für Autoren, die noch auf einen Bestseller warten; bei Ihnen könnte ein gewisser Bequemlichkeitsmodus einsetzen, oder?

Ich nage nicht am Hungertuch, aber ich muss durchaus arbeiten. Auch ich habe bei der Banken-Krise einen Teil meines Geldes verloren.

Die gibt auch einen guten Romanstoff ab.

Es ist leichter, über die Fugger zu schreiben als über unsere eigenen Bankiers.

Haben Sie je überlegt, Drehbücher zu schreiben?

Ja, ich war sogar als Stipendiatin an der Drehbuchwerkstatt. Das hat mir viel Spaß gemacht. Aber es hat mir auch ein riesen Gefühl der Dankbarkeit verschafft, dass ich nicht Drehbuchautorin geworden bin.

Warum?

Ich sage immer: Als Romanautorin bin ich Herrscher in einer absoluten Monarchie, als Drehbuchautor Bürger in einem sozialistischen Staat. Sprich: Als Drehbuchautorin müsste ich mich permanent anderen Leuten nicht nur anpassen, sondern beugen.

Zählen Sie Ihre Gesamtauflage mit?

Ich glaube, ich bin jetzt alles zusammen bei sieben Millionen.

War es der Höhepunkt von 2015 für Sie, diese Marke zu erreichen?

Ja, das - und dass es endlich mit der Verfilmung von "Die Puppenspieler" geklappt hat! Die Ziegler Produktion hat die Rechte schon vor zehn Jahren erworben, und ich hatte fast die Hoffnung aufgegeben, dass das noch was wird.

Schlaf der Vernunft, Lesung mit Tanja Kinkel, Moderation: Gert Heidenreich, Freitag, 20. November, 20 Uhr, Literaturhaus