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Literatur:Für jeden etwas

Das Münchner Turmschreiber-Hausbuch

Von Sabine reithmaier

Ziemlich grün ist es, das neue Turmschreiber-Hausbuch auf das Jahr 2017. Den Titel ziert der Südturm des Isartors, in dessen Stüberl sich die Schriftstellervereinigung im Jahr 1959 gegründet hat. Ein dickes rotes Siegel garantiert, dass es sich um das Original handelt. Das könnte man nämlich fast bezweifeln, weil das Buch dieses Mal nicht im Turmschreiber-Verlag erschienen ist, sondern im Münchner Volk-Verlag.

Der Turmschreiber-Verlag gehört seit 2009 zur Verlagsgruppe Husum. Die graue Stadt am Meer, wie der gebürtige Husumer Theodor Storm den Ort in einem Gedicht nannte, ist natürlich schon ziemlich weit weg für eine bayerische Autorenvereinigung, daher ist die Rückkehr nach München nur allzu verständlich. 41 Schriftsteller, Journalisten, Historiker sind im 264 Seiten starken Buch mit Texten vertreten, streng alphabetisch geordnet; der Grafiker Klaus Eberlein und der Karikaturist Franz Eder haben Illustrationen beigesteuert.

Literatur ist für die Turmschreiber grundsätzlich ein weit gefasster Begriff: Kurzgeschichten, Gedichte, Dialogszenen, literarische Betrachtungen, Essays - die Palette ist breit gefächert. Manche der Autoren haben eigens für das Jahrbuch geschrieben, andere bereits veröffentlichte Texte geschickt. Praktisch ist, dass jeder der Beteiligten mit einer kurzen Biografie und einem Foto vorgestellt wird.

Die ersten Turmschreiber, die Freunde Ernst Hoferichter, Eugen Roth und Hanns Vogel, trafen sich Ende der Fünfzigerjahre im Südturm, einfach um über Literatur zu reden. Inzwischen zählt die Gruppe 92 Mitglieder aus Bayern, 39 davon sind, wie es im Vorwort formuliert ist, "bereits in den weißblauen Olymp eingegangen".

Etliche Jahre galt der lose Verbund als eher konservative Vereinigung, in der die weiß-blaue Kitsch-Reimerei breiten Raum einnahm. Um die Jahrtausendwende begann sich das zu ändern, als der langjährige Präsident Kurt Wilhelm die Leitung abgab. Erich Jooß, Alfons Schweiggert, Norbert Göttler, inzwischen ersetzt durch Jürgen Kirner, machten sich energisch daran, den Laden zu entstauben, beriefen endlich auch Frauen in den Männerbund.

Bewerbungen nimmt der erlesene Kreis nicht entgegen; aber wer einmal drin ist, bleibt auf Lebenszeit Mitglied. Jedenfalls wenn er nicht rausgeworfen wird, wie es dem Mundartdichter Helmut Zöpfl 2010 passierte, als er sich mit wenig feinen Methoden gegen den neuen Kurs sträubte. Das neue Präsidium lud auch jüngere Autoren ein, unter ihnen Kabarettisten, die aus ihren politischen Meinungen keinen Hehl machten, oder Lyriker, deren Verse sich nicht reimten. Inzwischen sind die Turmschreiber tatsächlich eine pluralistische Vereinigung geworden, und tatsächlich dürfte im Jahrbuch fast für jeden Geschmack etwas dabei sein.

Anatol Regnier philosophiert zum Beispiel über die menschliche Natur, die sich nirgendwo schonungsloser offenbare als in der Schlange, die sich während der Happy Hour vor den Hofpfisterei-Filialen bildet. Fitzgerald Kusz denkt über seine "Kinheid" nach, auf Fränkisch natürlich, während Lyriker Anton G. Leitner "auskemmane Woaddradiggale vom kommunaln Schbrachkontäina" bedichtet und den Unterschied zwischen den Begriffen Asylant und Flüchtling auf den Punkt bringt.

Hans Göttler würdigt in einem Gedenkblatt den fast vergessenen Dichter Hans Carossa, Elisabeth Tworek erforscht, wie sich das spezifische Münchner Lebensgefühl in der Literatur ausdrückt, und Monika Bittl lässt wissen, wie es sich anfühlt, plötzlich Bestsellerautorin zu sein. Und Christian Springer zitiert in seinem offenen Brief an Horst Seehofer anlässlich der bayerischen Flüchtlingspolitik kurzerhand einen deutsch-libanesischen Freund. "IS braucht keinen Außenminister, die haben Markus Söder."

Turmschreiber - Geschichten, Gedanken, Gedichte. Ein Bayerisches Hausbuch auf das Jahr 2017; 35. Jahrgang, Volk-Verlag

© SZ vom 13.12.2016
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