Literatur Ermitteln unter Nazis

Bis zur Reichsprogromnacht im Jahr 1938 will Volker Kutscher seinen Kommissar Gereon Rath arbeiten lassen.

(Foto: Oliver Berg/dpa)

Sein erster Krimi um den Oberkommissar Gereon Rath war Vorbild für die TV-Serie "Babylon Berlin". Jetzt stellt der Autor Volker Kutscher den siebten Band vor

Von Sabine Reithmaier

Spätestens seit die Fernsehserie "Babylon Berlin" in der ARD läuft, ist Gereon Rath, der Berliner Kommissar, eine bekannte Persönlichkeit. Die zweite Staffel endete zwar am vergangenen Donnerstag, aber eine Fortsetzung ist in Planung. Wie es weitergeht, erfährt man ohnehin am besten von Volker Kutscher, ohne dessen Krimi "Der stumme Fisch" es die Serie nie gegeben hätte. Der Autor ist den Filmern weit voraus, er stellt an diesem Sonntag bereits seinen siebten Rath-Krimi "Marlow" vor, während die Serie nur den ersten Band als Vorlage nutzte.

Gereon Rath ist inzwischen Oberkommissar, schon einige Jahre mit Charlotte Ritter verheiratet und im Spätsommer 1935 angekommen. Die Krimihandlung ist schnell erzählt: Ein Taxi rast mit Vollgas gegen eine Wand an den Berliner Yorckbrücken, Fahrer und Passagier sind sofort tot. Eigentlich ist das kein Fall für die Zentrale Mordinspektion, aber dann entdeckt Rath Geheimakten im Auto, die eher auf ein ausgeklügeltes Verbrechen hindeuten. Anscheinend wurde Gestapo-Chef Hermann Göring von der SS ausspioniert. Er verbeißt sich in den Fall, recherchiert sogar heimlich weiter, als er - schließlich will er Karriere machen - zum Preußischen Landeskriminalamt wechselt, das Arthur Nebe leitet.

Letzterer ist übrigens keine fiktive, sondern eine historische Figur, eine ziemlich zwiespältige obendrein: einerseits ein überzeugter Nazi - er ermittelte beispielsweise später gegen den Hitlerattentäter Georg Elser - andererseits unterhielt er Kontakte zum deutschen Widerstand und wurde nach Stauffenbergs missglücktem Attentatsversuch im Jahr 1944 hingerichtet. Auch Ernst Gennat, Raths ursprünglicher Chef bei der Berliner Kripo, gab es in Wirklichkeit. Und es ist der historischen Figur geschuldet, dass Rath am Tatort den Polizisten zusammenstaucht, weil er die beiden Leichen schon pietätvoll hindrapiert hat. Denn Gennat setzte als erster durch, dass vor dem Erscheinen der Ermittler nichts am Tatort verändert werden durfte.

Das unmerkliche Ineinanderverweben von historischer Wahrheit und Fiktion beherrscht Kutscher perfekt und zeichnet seine Romane aus. Auch die Schauplätze, egal ob er Nürnberg während des Reichsparteitags oder die Kleinstadt Schwabach beschreibt, zeugen von intensiven Recherchen. Raths Familienleben belasten die Nazis übrigens sehr. Charlotte, die Jura studiert hat, muss ihr Referendariat abbrechen und darf nur mehr als Rechtsanwaltsgehilfin arbeiten, weil Frauen als Juristinnen nicht mehr zugelassen werden. Kein Wunder, dass sie die braunen Herren verabscheut und sich zunehmend über ihren politisch eher gleichgültigen Mann ärgert. Dass ihr Pflegekind Fritz ein begeisterter Hitlerjunge ist, macht ihr schwer zu schaffen.

Johann Marlow, Titelfigur des neuen Bandes, geistert schon von Anfang an durch Kutschers Krimiwelten. Jetzt allerdings möchte der Chef der Berliner Unterwelt seriös werden. Er tritt sogar in die SS ein und verdient Geld mit Immobilien- und Firmenübernahmen, zu denen er die jüdischen Besitzer gezwungen hat.

Der Stoff zum Verfilmen geht also so schnell nicht aus. Kutscher, Jahrgang 1962 und einst Lokalredakteur in Wipperfürth, hat drei weitere Folgen angekündigt. Demnach ermittelt Gereon Rath bis zur Reichspogromnacht 1938.

Volker Kutscher; Sonntag, 11. Nov., 18 Uhr, Anatomische Anstalt, Pettenkoferstraße 11