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Literatur:Eine magische Erfahrung

Der Filmemacher und Drehbuchautor Jan Schomburg stellt seinen ersten Roman "Das Licht und die Geräusche" im Literaturhaus vor

Von Antje Weber

Gibt es einen Grund, sich nicht umzubringen? Das fragt Boris, als er auf einer Party in irgendeinem Reihenhauskeller steht, und weil die Musik so laut ist, muss er dabei ganz dicht ans Ohr von Johanna herankommen. Er fragt sie also, was grundsätzlich gegen Selbstmord spreche, mal abgesehen von Angst oder einer gewissen Zufriedenheit mit dem Leben, vielleicht. Und Johanna fällt tatsächlich ein Grund ein: "Das Licht und die Geräusche".

Das ist ein Grund, über den man schon ein bisschen nachdenken kann oder muss, und der gleichnamige Roman "Das Licht und die Geräusche" (dtv) von Jan Schomburg bietet dazu 255 Seiten lang Gelegenheit. Wobei man gleich dazu sagen muss, dass es darin nicht nur um Selbstmord, Licht und Geräusche geht. Aber doch schon ziemlich viel um Boris und sein ambivalentes Verhältnis zu dem, was andere leichtfertig als Leben hinter sich bringen. Und ziemlich viel um Johanna, die Ich-Erzählerin: Diese Schülerin ist jemand, "die sich Dinge unaufgeregt angucken kann", wie Schomburg selbst sagt, die "Dinge unideologisch betrachten kann". Eine junge Frau, die keine Angst hat und dadurch für ihren Schöpfer "sehr erwachsen" wirkt. Johanna denkt einfach ziemlich viel nach über die nicht immer leicht zu erklärende Welt. "In der Pubertät fiel es mir schwer zu akzeptieren, dass ich keine konsistente Person bin", sagt Schomburg selbst; auch seine Figur Johanna muss sich damit auseinander setzen, "dass man jeden Tag jemand anderes ist" und sich mit allen Widersprüchen akzeptieren muss.

Jan Schomburg jedenfalls scheint es mit Anfang 40 gelungen zu sein, sich mit seinen Widersprüchen zu akzeptieren. Auf den ersten Blick sind allerdings gar keine zu entdecken; die berufliche Entwicklung jedenfalls wirkt problemlos nachvollziehbar, auch wenn sich Schomburg zunächst als Regisseur und Drehbuchautor einen Namen gemacht hat. Er schrieb und inszenierte die Kinofilme "Über uns das All" und "Vergiss mein Ich"; für den Film "Vor der Morgenröte", der mit dem Selbstmord des Schriftstellers Stefan Zweig endet, schrieb er gemeinsam mit Maria Schrader das Drehbuch.

Warum nun ein erster Roman? "Ich dachte mein ganzes Leben, ich werde einen Roman schreiben", sagt Schomburg dazu, "ich dachte aber, dass ich durch das Drehbuchschreiben zu versaut bin". Als er mit Ende 30 etwas melancholisch an einer Midlife-Crisis laborierte, "floss der aber so aus mir raus". Inspiriert zu diesem Schritt hatte ihn letztlich seine Mutter, die als ehemalige Lehrerin inzwischen bereits ein Dutzend Bücher verfasst hat. "Ich dachte: Wenn jetzt schon meine Mutter Romane schreibt, dann wollen wir doch mal sehen!" Und was er sah, gefiel ihm: "Ich habe das Prosaschreiben als magische Erfahrung erlebt."

Tatsächlich ist dem in Hamburg lebenden Debütautor Schomburg ein subtiler All-Age-Roman über die Suche nach Sinn und Gefühlen gelungen. Denn es gibt da ja noch ein paar Probleme mehr zwischen den Figuren Boris und Johanna: dass sie allerbeste Freunde sind und eigentlich viel mehr. Dass sie alle Chancen auf dieses Mehr jedoch mit Karacho verpassen. Dass sich weggedrängte Gefühle dann womöglich anderweitig entladen und das dann vielleicht auch mit Macht und Missbrauch zu tun haben könnte. Vielleicht aber auch mit dem Licht. Oder den Geräuschen.

Lesung mit Jan Schomburg & Maria Schrader, Dienstag, 4. April, 20 Uhr, Literaturhaus, Salvatorplatz

© SZ vom 04.04.2017
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