Literatur Die Nachschöpferin

Zu übersetzen, "wofür das Herz richtig schlägt", war Tanja Handels Traum. Nach anfänglichen Übertragungen von Unterhaltungsliteratur und Krimis hat sich dieser Wunsch für die 46-Jährige längst erfüllt.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Tanja Handels überträgt belletristische Texte vom Englischen ins Deutsche, unter anderen die Bestseller von Zadie Smith. Für ihre "wertvolle Arbeit" erhält die Münchner Übersetzerin vom Freistaat Bayern nun ein Arbeitsstipendium

Von Yvonne Poppek

In der Beziehung zwischen Zadie Smith und Tanja Handels hat jedes Wort Gewicht. Ein paar Mal, sagt Handels, habe sie die britische Autorin getroffen. Diese Begegnungen seien prägend gewesen. So habe sie den Klang von Smiths Stimme im Ohr, wenn sie sich über deren Texte beuge. Aber das Eigentliche sind die Worte, die gedruckt sind auf Papier. Tanja Handels ist Übersetzerin, ihr Schwerpunkt liegt auf englischer Belletristik. Vier Bücher der mehrfach ausgezeichneten Bestseller-Autorin Zadie Smith hat sie bereits übertragen. Derzeit arbeitet sie an deren neuem Essayband "Feel Free". Es ist ein aufwendiges, rechercheintensives Projekt - und eines, das der Freistaat Bayern als wertvolle Arbeit einstuft. Denn für "Feel Free" erhält Handels nun das mit 6000 Euro dotierte Übersetzerstipendium.

"Zadie Smith ist irgendwie meine Glücksbringerin", sagt Tanja Handels. Diese Einschätzung klingt bescheiden, dankbar. Und es klingt auch die Hingabe durch, die Tanja Handels für diese zeitgenössische Autorin empfindet. "Das hat, glaube ich, jeder meiner Kollegen: eine Wunschliste im Kopf, wen man gerne übersetzen würde", sagt die 46-Jährige. Bei ihr stand Zadie Smith ganz oben auf der Liste. "Schon als ich das Debüt gelesen habe, dachte ich mir: Was für eine Autorin!"

Das Debüt erschien im Jahr 2000 und wurde noch von einem Übersetzer-Duo ins Deutsche übertragen. Damals hatte Handels gerade angefangen, englische Literatur zu übersetzen. Liebesromane waren das zu Beginn. Solche, bei denen Pärchen in leidenschaftlicher Umklammerung aufs Cover gemalt sind. "Nackenbeißer", sagt sie lachend. Darauf folgte eine Anstellung in einem technischen Übersetzungsbüro, bevor sie sich 2003 als Übersetzerin selbständig machte und erst einmal mit Krimis begann. Wobei sie hier von einem "glücklichen Einstieg" spricht: Der Hörverlag beauftragte sie in dieser Zeit mit vierzehn Agatha-Christi-Büchern.

So wie dieser Einstieg scheint sich in Tanja Handels Werdegang vieles glücklich gefügt zu haben. Zumindest klingt dies so, wenn sie davon erzählt. Geboren in Aachen, stellte sie schon in der Schulzeit eine Hingabe an die Sprache fest, aus der sie heute übersetzt: "Die Affinität hat sich herausgestellt, als ich das erste Mal im Englisch-Unterricht saß", sagt sie. "Es war Liebe auf den ersten Blick." Diese Liebe ließ sie dann auch Anglistik studieren und Theaterwissenschaft. Nach der Zwischenprüfung in Aachen und Köln kam sie zum Studium nach München. Erst in dieser Zeit, bei einem Seminar zur Übersetzungstheorie, sei ihr Interesse an dem Beruf erwacht, den sie heute ausübe, erzählt sie. Und hier entstanden auch die Kontakte, die zu ersten Übersetzungsarbeiten führten. Spezialisiert auf literarisches Übersetzen hat sich Handels schließlich in einem Aufbaustudium an der Ludwig-Maximilians-Universität. Ein Ort, an dem sie heute selbst Seminare gibt, dem Nachwuchs der eigenen Branche hilft. Und sich selbst, wie sie glaubt. "Ich bin froh darum, dass ich mich so selbst befragen kann, was ich da tue."

Was sie da tut, bewertet Handels übrigens mit Augenmaß. Übersetzen sei eine Nachschöpfung, einerseits ein kreativer Akt, andererseits auch eine Fleißarbeit. "Es ist viel Handwerk und ein bisschen Inspiration", sagt sie. Schreiben und Übersetzen seien zwei unterschiedliche Dinge. Und so trete der Übersetzer hinter den Autor auch immer einen Schritt zurück. "Oder daneben, aber immer ein bisschen dahinter", sagt sie.

Bei Zadie Smith hat Tanja Handels jedoch das Glück, dass ihre Arbeit auch in den Fokus rückt. Für jede ihrer Übersetzungen hat sie bisher ein Stipendium erhalten - drei Arbeitsstipendien des Deutschen Übersetzerfonds, ein Literaturstipendium der Stadt München im Bereich Übersetzung. Und nun eben das Übersetzerstipendium des Freistaats, das Kunstministerin Marion Kiechle am 9. Juli im Literaturhaus an Handels verleihen wird. Bis Ende des Jahres wird sie mit den Recherchen und der Übertragung der Essays beschäftigt sein, die sowohl politisch sind als auch Auseinandersetzungen mit Kunst, Musik oder dem Schreiben. Und dabei wird sie versuchen, das zu erhalten, was Zadie Smiths Essays ihrer Meinung nach auszeichnet: "Man hat fast das Gefühl, man hört ihr zu." Und das ist auch in den Übersetzungen von Tanja Handels so - selbst wenn man Zadie Smiths Stimme noch nie gehört hat.

Die Übersetzerin Tanja Handels, Verleihung des Arbeitsstipendiums und Gespräch, Montag, 9. Juli, 19 Uhr, Literaturhaus München