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"Kreditfiktionen":Lady Debit

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Geld ist Fiktion, das weiß auch der Roman des 19. Jahrhunderts: Börse in Frankfurt.

(Foto: Thomas Lohnes/Getty Images)

Wieso bezahlt der Dandy seine Rechnungen nicht? Eine Literaturgeschichte der Schulden.

Von Lothar Müller

Längst ist die Illusion verflogen, die Rationalität hätte im Wirtschaftsleben ein festes Fundament. Zu ihr gehörte die Vorstellung, der Kapitalismus habe seit der frühen Neuzeit die Leidenschaften in die Interessen des Homo oeconomicus verwandelt, der seine Erfolge nüchterner Kalkulation verdankt. Zur Erosion dieser Vorstellung haben in jüngerer Zeit die Finanzkrisen und Finanzskandale beigetragen. Der Fall Wirecard verdankt sein Beunruhigungspotenzial zwar auch der kriminellen Energie der Protagonisten beim Aufbau ihrer Fiktionen, vor allem aber der Einsicht, wie lange es dauerte, bis ihr Vertrauenskredit - auch bei den Kontrollorganen - aufgebraucht war.

Für Fiktionen ist die Literatur eine Spezialistin, das gilt zumal für die Romane des 19. Jahrhunderts. Meist werden sie in das Regal "bürgerlicher Realismus" eingeordnet, aber wer sie liest, landet in einer Welt, in der es bürgerliche Solidität nicht gibt und die Wirklichkeit Illusionen nur zerstört, um neue zu produzieren. Sehr willkommen ist als Hintergrundlektüre zum Wirecard-Skandal die literaturwissenschaftliche Dissertation "Kreditfiktionen" von Philippe Roepstorff-Robiano, ein glänzend geschriebener Streifzug durch Werke von Balzac, Flaubert und Zola, George Eliot, Herman Melville und Henry David Thoreau, Gottfried Keller, Gustav Freytag und Wilhelm Raabe.

Als materielle Transformation der äußeren Welt, die mit den Eisenbahnen, Großstädten und Fabriken als neuen Akteur das Proletariat hervorbringt, erschien die industrielle Revolution den Zeitgenossen. Wie ein Spürhund heftet sich Roepstorff-Robiano auf die Fährte, die zur anderen Seite dieser Transformation führt, in die Welt der Schulden, des Ruins, der Börsenkräche und Bankrotte, der Pfandleiher und Wechselgeschäfte. Am Pariser Dandy interessiert ihn nicht lediglich das lässige Halstuch oder das Eis, das er im Café Procope schlürft, sondern vor allem wie er es schafft, seine Rechnungen unbezahlt zu lassen.

Als Heiratskandidatinnen sind Frauen immer auch Kreditversprechen

Er misst den Kreditrahmen der Figuren aus und zeichnet nach, welche ästhetischen Operationen die realistischen Romane vollziehen müssen, um Lebensverhältnisse darstellen zu können, in denen Finanzoperationen zunehmend an Einfluss gewinnen. Balzacs Theorie des Schuldenmachens stammt von einem Autor, der zugleich Unternehmer war. Sie leitet den Spürhund ins Innere der "Comédie humaine", wo er das Kreditnetzwerk sichtbar macht, das sie zusammenhält.

Flauberts Frédéric Moreau, Held des Romans "L'Éducation sentimentale" und Sohn einer schuldenbelasteten Mutter, erweist sich bis in die Details seiner Lebens- und Liebesgeschichten als vom Verhältnis zum Geld geprägt, und im Rückgriff auf Daniel Defoe, der den Begriff prägte, zeigt Roepstorff-Robiano, wie in den Romanen die Frauen als Heiratskandidatinnen Kreditversprechen sind und als Ehebrecherinnen wie Madame Bovary zu idealen Opfern von Schuldenfallen. Sein gedankenfunkelndes Buch hat nur einen Nachteil. Es ist zu teuer. Eine Taschenbuchausgabe ist ihm dringend zu wünschen.

© SZ/fxs
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