bedeckt München 19°

Literatur:Behutsamer Aufprall

Beim "Bücherclash" stellten Kern und Libbertz ihre Favoriten vor

Von Hannah Vogel

"Für die Diskussion gilt: Das Recht des Stärkeren - des stärkeren Arguments", erklärt Michi Kern im Lost Weekend. Gemeinsam mit dem Münchner Autor Roman Libbertz thront er auf einem Holztisch, der den beiden als Bühne dient. Überragt werden sie von einer riesigen Stehlampe. Zu ihren Füßen stapeln sich die Werke, die sie während des "Bücherclashs" gegen den Geschmack des anderen und des Publikums verteidigen wollen. Vor einem Jahr eröffnete der Wirt und Veranstalter Michi Kern das Lost Weekend, eine Buchhandlung mit veganem Café. Nun warten dort dreißig Literaturbegeisterte auf den verbalen Schlagabtausch.

Zielsicher greift Michi Kern zu einem schmalen Büchlein mit dem vielsagenden Titel "Kiffen, koksen, saufen, rocken, sterben". "Veröffentlicht hat es eine fundamentalistische, christliche Sekte, um Jugendliche von Musik fernzuhalten", sagt er. Es porträtiere 37 Rock- und Popkünstler sowie deren tragisches Ende und sei so packend geschrieben, dass die eigentliche Botschaft in den Hintergrund trete. Eine kuriose Geschichte. Selbst Libbertz muss schmunzeln. Der Münchner Autor legt den Anwesenden unter anderem "Taxi" von Karen Duve ans Herz. Zustimmung erhält er aus dem Publikum. "Karin Duve kann Gefühle in derbe Worte fassen", erklärt eine Besucherin und meint das durchaus als Kompliment. Uneinig sind die beiden sich bei "Blond", einem Werk über Marilyn Monroe von Joyce Carol Oates. Kern sieht darin ein suggestives Portrait. Libbertz bezweifelt die Authentizität und empört sich darüber, dass Monroe nur als Kassenschlager missbraucht werde. Solche Kontroversen sind eher die Ausnahme. Obwohl Michi Kern zu Beginn betonte, bisher seien sie sich bezüglich Literatur nie einig gewesen. Und Roman Libbertz erklärte: "Michi ist eher der Realist, ich mag Geschichten über Liebe und Pathos." Entsprechend unterschiedlich fällt ihre Auswahl an Belletristik und Sachbüchern aus. Es bleibt jedoch kaum Zeit, die Meinungsverschiedenheiten auszudiskutieren, da für jedes Buch nur drei Minuten zur Verfügung stehen. Fast 30 Bücher stellen Kern und Libbertz in eineinhalb Stunden vor. "Das macht zwar neugierig, ist aber eher oberflächlich", sagt Besucherin Ina Hauch. Trotzdem gefällt ihr das Konzept, genauso wie Max Stolz: "Das Ganze lebt sehr stark von den Leuten auf der Bühne. Und die beiden sind humorvoll und nicht zu ernst."

Ihr eigentliches Ziel haben Kern und Libbertz wohl erreicht: die Anwesenden für ihre Bücher zu begeistern und zu unterhalten. Zum Beispiel mit der spontanen Diskussion über die Motive des französischen Autors Michael Houellebecq. Oder als Kern erzählt, er schenke "Die Antwort" von Alice Schwarzer gerne frisch vermählten Paaren zur Hochzeit. Und Libbertz stellte sich die Frage, wie viele große Werke ein Autor eigentlich schreiben kann. Am Ende gab es eine vorgezogene Bescherung, bei der Libbertz Bücher an die Anwesenden verschenkte. Hier aber galt das Recht des Schnellsten.

© SZ vom 21.12.2015

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite