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Literatur aus Südtirol:Heimat gibt es nicht

Josef Zoderer Schriftsteller seoh10071

Joseph Zoderer, geboren 1935 in Meran. Seit 1982 lebt er im Pustertal. Immer wieder, etwa in "Der Himmel über Meran", schreibt er über seine Herkunftswelt.

(Foto: imago)

Immer wieder hat Joseph Zoderer, der 1935 in Meran geboren wurde und in Graz aufwuchs, über seine Herkunftswelt Südtirol geschrieben. Aber er ist auch bis nach Mexiko gereist. Jetzt wird er 80 Jahre alt.

Im Herbst 1992 befindet Joseph Zoderer sich inmitten einer Schreibkrise: "Mir fehlt", so schreibt er an seinen Verleger Michael Krüger, "vielleicht die innere Gewissheit, das Bewusstsein des Autors von der Notwendigkeit seiner Arbeit. Möglicherweise hat man das, was ich Bewusstsein nenne, einmal mit dem Wort Inspiration ausgedrückt. Ich schreibe und schreibe und habe keine Lust zu lesen, was ich geschrieben habe." In seiner Not hat Zoderer einen Einfall: Mexiko. Aufzeichnungen von einer Reise, die er im Jahr 1970 unternommen hat, von San Francisco hinunter nach Santa Cruz in Mexiko. Wilde Hippie-Zeiten. In Mexiko traf Zoderer eine Gruppe von gleichgesinnten Daseinsalternativlern, der er sich für eine Zeit lang anschloss. Das sollte doch, so Zoderers Gedanke mehr als 20 Jahre später, Stoff für einen Roman hergeben. Das funktionierte tatsächlich. Der Roman, der 1995 unter dem Titel "Das Schildkrötenfest" erschien und in diesen Tagen als zweiter Band einer kommentierten Zoderer-Werkausgabe neu aufgelegt wurde, atmet eindeutig den Geist einer linken Aussteigerutopie - und ist doch bei allen Exotismen im Kern ein echter Zoderer-Roman.

Denn die Figuren des 1935 geborenen Schriftstellers sind grundsätzlich geprägt von zweierlei komplementären Gefühlslagen: Zum einen ist es das ausgeprägte Bewusstsein eines Ausgesetztseins in der Fremdheit; zum anderen, in einer Gegenbewegung, ein nicht immer expliziter, aber deutlich spürbarer Sehnsuchtsdrang, diese Fremdheit zu kompensieren. Zoderer ist ein Autor, der geprägt ist von der Identitätsverwirrung seiner Herkunft: Geboren als eines von neun Kindern einer Arbeiterfamilie in Meran, verbrachte er seine Kindheit in Graz, nachdem das zwischen Hitler und Mussolini geschlossene Optionsabkommen geschlossen worden war, das die Italienisierung Südtirols zum Ziel hatte. Nach dem Krieg, im Alter von zwölf Jahren, kam Zoderer in ein katholisches Internat in der Schweiz; ein Junge mit italienischem Pass, der Deutsch sprach und als Österreicher beschimpft wurde. Dieser Erfahrung ist der stark autobiografische Debütroman "Das Glück beim Händewaschen" entsprungen; ein beklemmendes und intensives Buch, in dem die einzigen Sicherheiten des Adoleszenten in den strengen Regeln und der Hausordnung des Internats bestehen.

Joseph Zoderer hat in Wien studiert, als Journalist gearbeitet, ist gereist und lebt nun bereits seit einigen Jahrzehnten auf einem umgebauten Bauernhof in der Nähe von Bozen. Wenn er ein Heimatschriftsteller ist, dann einer, dem die Heimat etwas zutiefst Unsicheres, Fragiles ist. Sie ist bei ihm nicht das dunkle Massiv, das es in Bernhard'scher Manier mit der Urkraft der Wut und der Worte zu zertrümmern gilt. Bei Zoderer muss die Heimat erst noch gefunden werden. Vielleicht zeichnet sich seine Sprache deshalb durch ihre tastende Feinheit aus, durch ihren Nuancenreichtum, durch ein Gespür für untergründige Schwingungen und den Blick für überraschende Bilder.

Die Provokation ist nicht sein Ziel, und doch können seine Romane auch zu Kontroversen führen: In Zoderers kommerziell erfolgreichstem Roman "Die Walsche", 1982 erschienen und 1986 verfilmt, kehrt die junge Südtirolerin Olga zur Beerdigung ihres Vaters in ihr Heimatdorf zurück. Unten, in der Stadt, lebt sie mit einem aus Kalabrien zugezogenen Italiener zusammen, wofür ihr oben im Dorf die Feindseligkeit der Einheimischen entgegenschlägt; eine Fremde, obgleich sie hier zu Hause ist. Doch auch der "Krautkopfwelt", dem katholisch-bäuerlichen Milieu, nähert Zoderer sich nicht mit Ressentiment, sondern dem abwägenden Blick des Suchenden.

Und so ist es auch in "Das Schildkrötenfest": Loris, der durch Mexiko reisende Protagonist, ist in der ersten Begegnung mit der geheimnisvollen Frau, die ihn bis zum unfreiwilligen Ende seiner Reise nicht mehr loslassen wird, mit den Friktionen seiner Südtiroler Herkunft konfrontiert: "Er wollte jetzt nicht darüber reden, seine Sprache und die andere Staatszugehörigkeit hatten ihn immer vor die Wahl gestellt: entweder eine Geschichtsstunde zu geben oder suspekt zu sein." Seinen Helden im ruhelosen Zustand der Liebesverwirrung schickt Zoderer in "Das Schildkrötenfest" in eine einigermaßen seltsame Kriminalgeschichte. Aber das macht nichts. Es war, wie der in der kommentierten Neuauflage veröffentlichte Briefwechsel aus dem Vorlass des Autors dokumentiert, Zoderers Weg aus der Schreibblockade.

Den inneren Riss, der durch eine ganze Kriegsgeneration von Südtirolern geht, hat Zoderer zuletzt 2012 noch einmal in der eleganten Doppelerzählung "Mein Bruder schiebt sein Ende auf" erzählerisch dargestellt. An diesem Mittwoch feiert er seinen 80. Geburtstag.

Joseph Zoderer: Das Schildkrötenfest. Roman. Haymon Verlag, Innsbruck 2015. 200 Seiten, 19,90 Euro. E-Book 12,99 Euro.