bedeckt München

Literarischer Marktplatz:Farbenblind

Die typischen Rollen in der Kinder- und Jugendliteratur lösen sich auf. In neuen Titeln will ein Mädchen Fußballerin werden. In einem Krimi rettet der Eigensinn der Tochter das Leben der englischen Premierministerin.

Von Roswitha Budeus-Budde

Heute stehen die Mädchen auf dem Fußballplatz, aber nicht als Mäuschen, Freundin oder Maskottchen, wie in typischen für Jungen verfassten Fußballbüchern, sondern mit dem Ziel, daraus einen Beruf zu machen. Ein Beispiel ist Jolanda die Heldin in "Der Himmel auf dem Platz" von Martina Wildner (Beltz & Gelberg) und ihre Geschichte passt zu den Novitäten in diesem Frühjahr, in denen die gesellschaftliche Entwicklung der letzten Jahre, angeregt durch Vorbilder wie Greta Thunberg, und die Biografien erfolgreicher Mädchen und Frauen, durch die Me-too-Bewegung und die Genderdiskussion um eine frauengerechte Sprache, ein Thema geworden ist.

Haben sich also die Rollen, die angeblich in der Kinder- und Jugendliteratur so wichtig sind, weil sie von den jungen Lesern erwartet werden, inzwischen aufgehoben? Jolanda, die junge, begabte Fußballerin erkämpft sich Trainingsstunden in der Jungenmannschaft eines angesagten Vereins. Sie erlebt die traditionell männliche Fußballwelt mit unfairen Kämpfen, Fouls und Rüpeleien. Als Außenseiterin wird sie von einem fiesen Typen, der von seinem Vater noch angespornt wird, gemobbt. Aber sie setzt sich durch im Männer- und Frauenfußball, auch ihre Angst vor dem Toreschießen überwindet sie.

Neue literarische Spielräume für weibliche Hauptfiguren, oft in Gemeinschaft mit einem männlichen Partner, finden sich seit Jahren im Fantasygenre und in Jugendkrimis. In dem Thriller "Number 10" (Oetinger) der Autorin C. J. Daugherty entdeckt die Tochter der englischen Premierministerin, dass ihre Mutter durch ein Attentat bedroht ist. Sie kann den Mord verhindern, weil sie sich über alle vorgegebenen Regeln hinweg setzt, auch ihren weiblichen Bodygard austrickst und auf ihre eigen Menschenkenntnis setzt. Der Untertitel des Buches, "Traue nur dir selbst", scheint eine Aufforderung an die Leserinnen zu sein.

Ungewöhnliche Mädchenfiguren, die nicht unbedingt eine Vorbildfunktion erfüllen sollen,verändern auch das Genre. Der jungen Autorin Lena-Lisa Oppermann gelang dies in ihrem Roman "Fürchtet uns, wir sind die Zukunft" (Beltz & Gelberg) eine geschickte Täuschung der Erwartungen. Als Aktivisten in einer Gruppe von Musikstudenten kämpft diese, scheinbar todkrank, gegen einen übergriffigen Dozenten und inszeniert doch nur ein Verwirrspiel, mit dem sie ihre Macht über einen jungen Pianisten testen will.

"Ist wirklich das entscheidendste Merkmal das Geschlecht des Protagonisten und der Protagonistin, damit Kinder und Jugendliche lesen? fragte sich Milena Eberhard, die als Bibliothekarin in der Stadtbibliothek im schweizerischen Uster arbeitet. Sie hatte die Idee, das Leseverhalten der jungen Bibliotheksbenutzer für ihre Magisterarbeit in einer Feldstudie zu erforschen, die über acht Monate lief und in dem Fachblatt BuB (Forum Bibliothek und Information 11/20) nach zu lesen ist.

Hierfür wurden in der Bibliothek 95 neue Kinder- und Jugendbücher angeschafft und ohne Klassifizierung "Mädchen" und "Jungen" in die Regale eingestellt. Der Vergleich der Ausleihzahlen mit den Daten der letzten fünf Jahre zeigte, "dass sich die Kinder und Jugendlichen 20 Prozent häufiger für ein geschlechtsuntypisches Buch entschieden... früher waren es 1 bis 2 Prozent." Da die speziell für Jungen und Mädchen geschriebenen Titel oft in stereotypen Rollenmustern stecken bleiben, verhindern sie nach der Erfahrung von Milena Eberhard die Auseinandersetzung mit Diversitäts- und Genderthemen. "Je mehr Diversität sie dort begegnen, desto vielseitiger und differenzierter kann auch ihre Weltanschauung werden." Die Kategorien "Mädchen" und "Jungen" wurden in der Stadtbibliothek Uster abgeschafft. Ein Vorbild und eine Aufforderung für die Verlage, nicht mehr auf rosa und blaue Programme zu setzen.

© SZ vom 12.02.2021
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema