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Literarischer Markplatz:Kinderbücher in Iran

Die iranische Kulturwissenschaftlerin und Journalistin schreibt über die Anfänge der iranischen Literatur für Kinder und nennt wichtige aktuelle Titel, die einen Aufbruch in die heutige Zeit signalisieren.

Von Bahareh Ebrahimi

"Yeki bud, yeki nabud. Einen gab es, einen gab es nicht", so beginnen die persischen Kindergeschichten. Früher, als es nur Märchen und Fabeln gab, die oft als literarische Stoffe für die Erziehung benutzt wurden, zählte man diese auch zu den Kindergeschichten. Aber erst im Jahr 1965 wurde eine Vereinigung speziell für die Förderung der Kinder- und Jugendliteratur in Iran gegründet: "Kanun-e Parvaresh-e Fekri-e Kudakan va Nojavanan. Das Institut für die intellektuelle Entwicklung von Kindern und Jugendlichen", das eng mit iranischen Autoren, Künstlern, Pädagogen, Wissenschaftlern und Verlegern zusammen arbeitete. Seitdem entwickelte sich eine eigenständige iranische Kinderbuchkultur.

Eins der berühmtesten Kinderbücher, das im "Kanun-e Parvaresh Institut" im Jahr 1967 veröffentlicht wurde, ist Mahi Siah Kutschulu (Der kleine schwarze Fisch), vom iranischen Schriftsteller und Bürgerrechtler Samad Behrangi. Damals wurde es das beste Kinderbuch des Jahres und in viele Weltsprachen übersetzt. 1974 gewann das Buch den Hans Christian Andersen Preis für seine originellen Illustrationen von Farshid Mesghali.

Der Fisch symbolisiert die junge revolutionäre Generation

Die Geschichte des kleinen schwarzen Fisches wird im Buch von einem Oma-Fisch 12 000 kleinen Fischen erzählt. Es handelt davon, dass der Kleine das Leben im Bach leid ist, es langweilt ihn und er will wissen, wohin der Bach fließt. Als er sich von seiner Mutter verabschiedet, um sich auf den Weg zu machen und die Welt zu erforschen, sagt sie ihm, sie habe auch solche Gedanken gehabt, als sie jung gewesen sei. Aber die Welt sei nichts anders als der Bach, wo sie leben würden, und das Leben sei nichts anders als das, was sie hätten. Der kleine schwarze Fisch kann es aber nicht glauben, er geht und findet heraus, dass der Bach in den Fluss fließt. Er geht weiter, bis er das Meer erreicht. Alle Fische auf seinem Weg warnen ihn vor dem Pelikan, und davor, an die Oberfläche des Wassers zu gehen, er geht trotzdem. Als er dann die Wärme der Sonne auf seinem Rücken fühlt, denkt er : "Der Tod könnte mir sehr nahe sein, aber ich muss weiter leben, solange ich kann. Doch es könnte sein, dass ich dem Tod begegne. Macht nichts, wichtig dabei ist, welche Einflüsse mein Leben oder mein Tod auf das Leben der anderen hatte." Das ist der berühmteste Absatz dieses Buches. Schließlich befindet sich der kleine schwarze Fisch zwar im Hautsack des Pelikans, versucht aber einen winzigen Fisch, der auch da gefangen ist, zu retten. Es ist zu vermuten, dass die Geschichte im übertragenen Sinn die junge intellektuelle revolutionäre Generation symbolisierte. Am Ende der Geschichte sagen 1999 kleine Fische "Gute Nacht" und gehen schlafen, außer einem kleinen roten Fisch. Der Gedanke ans Meer lässt ihn nicht einschlafen.

Behrangi arbeitete auch als Lehrer in vielen kleinen Dörfern im iranischen Bundesland Aserbaidschan und verfasste zahlreiche Kinderbücher über das harte Leben seiner armen Schüler und Schülerinnen. Sein Buch Uldus va Kalaqha (Uldus und die Krähen) beginnt mit ein paar Worten von einem Mädchen namens Uldus, das sagt: "Als Herr Behrangi der Lehrer unseres Dorfes war, wohnte er bei uns zu Hause. Ich erzählte ihm meine Geschichte, die er interessant fand und er wollte ein Buch darüber schreiben. Ich war einverstanden, aber unter der Bedingung, dass er meine Geschichte nur für Kinder schreibt und zudem für die Kinder, die entweder arm sind oder zumindest nicht verwöhnt sind, und nicht für die, die mit den Luxusautos zur Schule kommen oder deren Diener sie zur Schule begleiten."

Ein großer Teil der persischen Kinderliteratur besteht aus lyrischen Kinderbüchern. In diesem Bereich war der zeitgenössische iranische Poet Mahmoud Moshref Azad Tehrani (Autorenname: M. Azad) sehr bekannt. Für die Kinder schrieb er außerdem Geschichten aus dem Masnavi, dem wichtigsten poetischen Werk des großen persischsprachigen Dichters des Mittelalters Rumi, und aus dem Schahname, dem Königsbuch, dem Nationalepos der persischsprachigen Welt vom Dichter und Epiker des 10. Jahrhunderts Ferdousi.

"Der kleine Prinz" ist die erfolgreichste Übersetzung

Eine der lyrischen Kinderfabeln von M. Azad ist Toqi (Die Krontaube), die 1968 bei Kanun-e Parvaresh für Kinder zwischen sieben und 11 Jahren erschien. Im Buch geht es um eine kleine Krontaube, die einen Baumwollstrauch findet und ihn Schritt für Schritt den Menschen bringt, damit sie ihm die Baumwolle zu Stoff verarbeiten, danach färben und schließlich einen Pullover daraus machen. Ein neuer Pullover zum Neujahrfest. Statt Geld gibt Toqi die Hälfte des Materials als Lohn.

Was die Übersetzung der Weltkinderliteratur angeht, sind die Bücher des amerikanischen Verfassers Shel Silverstein neben der populären Harry Potter-Romanreihe in Iran sehr beliebt. Das bemerkenswerteste Werk in diesem Bereich ist aber die Erzählung Der kleine Prinz von Antoine de Saint-Exupéry, die im Jahr 1985 vom iranischen Dichter Ahmad Schamlou, (Pseudonym: A. Bamdad) ins Persische übersetzt wurde. Es gibt ein Hörbuch dazu, in dem Schamlou selbst als "Der Erzähler" auftritt.

Auch Musikbücher gehören zur Kinderliteratur in Iran. Ranginkamun (Der Regenbogen) vom iranischen Autor und Komponist Samin Baghtcheban, ist ein im Jahr 1978 produziertes lyrisches Werk mit musikalischen Soundtracks, das nicht nur die Lieder, sondern auch die Noten enthält, nach denen die Kinder selbst spielen können.

Die Musik war eine Zusammenarbeit zwischen dem Mitra-Chor und den Musikern des sinfonischen Orchesters von Radio Wien, und die Bilder malte Parvis Kalantari, der bekannte Künstler und Illustrator vieler Schulbücher in Iran. Der zweite Teil dieses Werkes wurde erst im Jahr 2016 und mit Hilfe des Sohnes Samin Baghtchebans unter dem Titel Mittwochsfeuer veröffentlicht.

(Die Autorin lebt als Kulturwissenschaftlerin und Journalistin in Berlin und Teheran)

© SZ vom 28.10.2016
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