lit.Cologne Glücklich erweitert

Das Publikum ist andächtiger als bei den Kölner Maiandachten: Die lit.Cologne brilliert mal wieder mit Querverweisen.

Von Bernd Graff

Manchmal muss man ein Beispiel bringen, um den Charakter eines Festivals zu verdeutlichen. Denn wenn man für das, was gerade in Köln los ist, als Erläuterung nur den Untertitel "Internationales Literaturfest" benutzt, fällt höchstwahrscheinlich die Genre-Klappe und man denkt an Literaturgrößen, die vor andächtigem Publikum beim Blättern im eigenen Werk von überinformierten Moderatoren behelligt werden. So ist die "lit.Cologne" nicht.

Hier das Beispiel: Am 23. März 2001, bei der allerersten lit.Cologne, gab es eine Veranstaltung, die den berühmten britischen Autor Nick Hornby und den da noch relativ unbekannten russisch-stämmigen Schriftsteller Wladimir Kaminer zusammenbrachte. Hornbys Roman "High Fidelity" war gerade verfilmt worden, Kaminers "Russendisko" ging soeben durch die Decke. Was macht nun das Kölner Literaturfest aus dem Zusammentreffen dieser beiden? Keine Lesung, keine Podiumsveranstaltung, sondern eine beinharte Party. Ein Multi-Dancefloor-Event, bei dem Hornby unten im British Council Platten auflegt und Kaminer oben.

Sven Regner erläutert seine Lyrik und der Fußballlehrer Ewald Lienen sein Buch

Die Verschränkung von ungewöhnlichen Events an ungewöhnlichen Orten mit außergewöhnlichen Literaturgrößen wurde stilbildend für das Festival seither. Kirchen, Rheinschiffe, die Bahnhofsmission - was Menschen aufnehmen kann, wird in Köln zum Ort des Literaturerlebens. Heute, zum 19. Mal, gehört eine Hommage der "Tatort"-Kommissare Jan Josef Liefers und Axel Prahl an den Huckleberry-Finn-Autor Mark Twain dazu, Frank Schätzing diskutiert mit Miriam Meckel über künstliche Intelligenz und ein anderer Tatort-Kommissar, Dietmar Bär, die grandiose Christiane Paul und der Schriftsteller Jakob Hein kommen im großen Saal der Verwaltung von "RheinEnergie" zusammen, um über "Krankheit in der Literatur" zu lesen, reden, rumzualbern. Von Molière bis Thomas Mann ist hier alles dabei, was in der Weltliteratur (und darunter) ein Klistier halten und beschreiben konnte. Hein ist - auch - Psychiater, Paul promovierte Ärztin und Bär war mal als Sportarzt Conny Knipper in einer gottlob vergessenen TV-Serie zu sehen. Der Verwaltungssaal des Energieversorgers ist rappelvoll, man klebt andächtiger als in Kölner Maiandachten an den Leselippen. Und man erlebt hier wie an den anderen 25 Veranstaltungsorten, die quer über die Stadt verteilt sind, Literatur. Die ist nicht ausschließlich an die aktuellen Verlagsprogramme gebunden. Deren Größen kommen zwar auch und der Fußballlehrer Ewald Lienen etwa spricht auch über sein aktuelles Buch, aber das tut er mit BAP-Sänger Wolfgang Niedecken. Der Musiker Sven Regener erörtert seine Lyrics, die Schauspieler Caroline Peters und Charlie Hüber erinnern an "böse Überraschungen" in der Weltliteratur. Die Bandbreite, um es mal so zu sagen, reicht vom Gendergap bis zum Tatortreiniger. Der Literaturbegriff ist hier glücklich erweitert.

Zum Festival gehört seit 2011 auch das Kinder- und Jugendfestival Lit.kid.Cologne, zu dem Schulklassen aus ganz Nordrhein-Westfalen pilgern, weil Literaturvermittlung kaum begeisternder stattfinden kann als in der Kölner Reihe "Klassebuch-Lesung".

Mehr als 100 000 Zuschauer besuchen die etwa 200 Veranstaltungen an den zwölf Tagen des Festivals, ihre Auslastung liegt bei 95 Prozent. Dabei wird die lit.Cologne nicht durch öffentliche Mittel subventioniert. Es gibt Sponsoren, doch alles wird regulär angemietet und bezahlt. Und das bei erträglichen Eintrittspreisen.

Wenn man mit Rainer Osnowski spricht, einem der Gründer und Geschäftsführer des Festivals, dann betont er das "gnadenlos subjektive Programm", das er und die anderen fünf hauptamtlichen Kuratoren ab Herbst jeden Jahres zusammenstellen. Und er formuliert den schönen Satz: "Der Dom ist der Dom. Daran kommt in Köln niemand vorbei. Aber an Kulturereignissen stellen wir an den Festivaltagen zuweilen auch den in den Schatten."

lit.Cologne noch bis 30. März.