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Liebe und Ethnologie:Die Götter sind schwul

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Der Kulturtheoretiker und Kurator Diedrich Diederichsen.

(Foto: Getty Images)

Das Berliner Haus der Kulturen der Welt zeigt eine Ausstellung über das Werk des Schriftstellers und Ethnologen Hubert Fichte, der seine Sexualität als Forschungswerkzeug nutzte. Ein Gespräch mit dem Kurator Diedrich Diederichsen.

Hubert Fichte gilt - ähnlich wie Rolf Dieter Brinkmann und Jörg Fauser - als einer der Vorläufer der Popliteratur. Geboren 1935 in Perleberg, gestorben 1986 in Hamburg, war Fichte das uneheliche Kind eines Juden und einer Protestantin, und er schuf ein Werk, das man in der deutschen Literatur so nicht kannte. Er tauchte ein in die Hamburger Halbwelt der Prostituierten und Zuhälter, bereiste Marokko, Brasilien und Haiti, interviewte Politiker und Kiezgrößen, Künstler und Stricher. Zu seinen bekanntesten Büchern gehört "Die Palette" (1974) über die gleichnamige Hamburger Kneipe, "Das Waisenhaus" (1965) und eine 17-bändige "Geschichte der Empfindlichkeit".

Hubert Fichte war so sehr Ethnologe wie er Poet war. Und er war schwul, seine Homosexualität war ein zentraler Bestandteil seines Werkes. Hubert Fichte gilt als Vordenker der Queer Studies und der postkolonialen Forschung. Das Berliner Haus der Kulturen der Welt zeigt die Ausstellung "Liebe und Ethnologie" zum Werk Hubert Fichtes - nach Stationen in Lissabon, Salvador da Bahia, Rio de Janeiro, Santiago de Chile, Dakar und New York. Die Schau widmet sich vor allem Fichtes Forschungsmethoden. Der Kulturtheoretiker Diedrich Diederichsen ist einer der Kuratoren der Ausstellung, und spricht über Fichtes Forschungswerkzeug: die schwule Sexualität.

SZ: Vieles an Hubert Fichtes Werk verblüfft noch immer. "Der Platz der Gehenkten" ist beispielsweise eine regelrecht verstörende Lektüre. Nicht etwa, weil Fichte Koranverse mit Männerliebe verknüpfte - da kann die Literaturgeschichte des Islams ganz andere Beispiele vorweisen -, sondern weil dem Leser nicht aufgeht, warum sextouristische Aufzeichnungen Ethnologie sein sollten.

Diedrich Diederichsen: Deswegen steht ja das "und" zwischen Liebe und Ethnologie. Sie sind nicht das Gleiche, und Fichtes Konzept der Empfindlichkeit lässt sich sicher nicht auf Sextourismus reduzieren - obwohl es Überschneidungen gibt. Fichte hielt das globale schwule Netzwerk, das er in den späten Sechziger- und frühen Siebzigerjahren erkundete, für eine Mischung aus einer Art utopischem, schwulen Underground Railroad - ähnlich dem Netzwerk für entflohene Sklaven in den USA- und dem beginnenden Massentourismus. In den Sechzigerjahren hatte er in den organisierten Tourismus politische Hoffnungen investiert. Das änderte sich später.

Was heißt schwule Liebe für Fichte?

Es gibt immer zwei Stränge, die ihn daran interessieren. Das eine ist die Sache selbst, die Empfindlichkeit, die Sexualität, die seelische Durchlässigkeit. Das andere sind die Netzwerke. Also: in welchen Milieus ist das organisiert und wieso überschneidet es sich oft mit religiösen, rituellen Gegenkulturen? Die brasilianische Candomblé-Kultur, zum Beispiel, hat nicht nur schwule Komponenten, es gibt da ja auch ganz starke lesbische Traditionen, eine Art weiblichen Nepotismus, wo von Tante zu Nichte das Wissen weitergegeben wird. In der Casa das Minas in São Luís do Maranhão, dem Ort, wo Fichte am ausgeprägtesten "ethnologisch" gearbeitet hat, war das ein ganz wichtiger Punkt. An dem Homosexualität oder "Verschwulung", wie er es nannte, sind so zugleich schwärmerische, fast hippiehafte Menschheitsutopien geknüpft, aber sie sind auch Gesellschaftsformen, andere Organisationen von Sex in Gesellschaft.

Fichte bezeichnete jede gleichgeschlechtliche Liebe zwischen Männern als schwul, sei es im 17. Jahrhundert oder im modernen Marrakesch. Heute ließe sich der emanzipatorische Begriff des Schwulseins nicht mehr derart universalisieren. Wo lagen für Hubert Fichte die geschichtlichen Besonderheiten der Männerliebe?

Es gibt drei Historisierungen bei Fichte. Die Schwulen und Lesben sind in seinen Augen die älteste revolutionäre Bewegung. Da gibt es eine andere Stelle, wo er sagt: Die Götter sind schwul, die Menschen sind bisexuell. Das leitet er von Homer ab. Der zweite Einschnitt im Sinne der Historisierung schwuler Organisation sind der Spartacus Guide und der EOS Guide.

Das sind Reiseführer für schwule Männer.

Sie sind für ihn Gradmesser der Vernetzung, der revolutionären Kraft, dann aber Indikatoren von Kommerzialisierung. Und das Dritte ist Aids - das hat er nicht mehr erlebt in dem Sinne. Aber die Krankheit ist für ihn auch nicht historisch, sondern eine Art Verschwörung. In seiner Auffassung kommt das so aus dem Nichts.

Das ist eine sehr eigenwillige Lesart der Geschichte. Ist er sich dessen bewusst?

Fichte ist kein Historiker. Verschwulung ist für ihn ein universelles politisches Programm, keine kulturwissenschaftliche Beobachtung. Er sieht einerseits diese kulturelle Kontinuität, seit Homer und Herodot und der Geschichte der afrikanischen Diaspora. Und dann hat er außerdem eine Vorstellung von Geschichte, die im Rahmen des modernen europäischen Aufklärungsdenkens verbleibt.

Sein Konzept von einer "Verschwulung der Welt" wird heute aus zwei gegensätzlichen Lagern kritisiert. Einerseits von Rechtspopulisten, wie in "Die große Verschwulung" des Autors Akif Pirinçci - mit klar homophober Tendenz. Anderseits regt sich Widerstand beispielsweise in Nordafrika gegenüber "Gay International", die ein standardisiertes Schwulsein als Franchising-Geschäftsmodell zu vermarkten scheinen. Ist Fichtes Utopie aufgebraucht?

Politische Verdichtungen aus so einem poetisch-existenziellen Projekt sind keine Modelle, die man später aus dem Schrank holen kann und schauen, ob sie noch anspringen. In anderen Gedankenmodellen, die aus diesen Utopien politisches Material herausarbeiten, kann man auch mit Fichtes Idee der Verschwulung wieder was anfangen. Es war eben nie - das hat Fichte oft gesagt - exklusiv männliche Homosexualität gemeint, sondern eher queere Darkrooms in guten zeitgenössischen Clubs.

Fichte setzte seine Expeditionen an Cruisingorten in Hamburg fort. Er schreibt über Arbeitsmigranten aus der Türkei oder Nordafrika, aber gleichzeitig exotisiert er sie auch.

Das Ziel des Projektes war es, die, die ihn bisher nicht lesen konnten, antworten zu lassen. Als wir jetzt diese Berliner Station gemacht haben, stellte sich die Frage, wie man den "deutschen" Fichte noch einmal einbringen kann.

Die Stimmen der Arbeitsmigranten selbst fehlen aber. Man erfährt bei ihm nichts über das "schwule" Leben der "Gastarbeiter". Wie begegnet die Ausstellung diesem Defizit?

Wir hatten überlegt, dass wir eine Hamburg-Station mit der Ausstellung machen. Dann wären Romane wie "Alte Welt" und "Kleiner Hauptbahnhof" thematisiert worden. In "Alte Welt" ist Fichte in Wien und sucht sich immer jugoslawische Lover. Das ist auch so ein Thema bei ihm: die Ethnizität oder die Herkunft und Vorgeschichte seiner Lover. Wichtig ist Fichte eigentlich nur, dass sie überhaupt eine haben. Was es nicht gibt, ist ein Typ, der sozusagen unmarkiert ist. Alle werden ethnisch markiert. Oder es wird zumindest auf einen Ort hingewiesen, von dem sie herkommen. Ich denke, das wäre auf jeden Fall ein Thema gewesen, wenn wir diese Romane derselben Logik unseres Projekts unterzogen hätten wie die in Brasilien, Chile, Senegal, Portugal oder den USA spielenden Texte.

Liebe und Ethnologie - die koloniale Dialektik der Empfindlichkeit (nach Hubert Fichte). Haus der Kulturen der Welt, Berlin. Bis 6. Januar. Katalog 28 Euro.

© SZ vom 20.12.2019

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