Neues Album von Liam Gallagher:"Korrekt, die anderen sind alle völlig nutzlos"

Neues Album von Liam Gallagher: Trendsetter ist Liam Gallagher übrigens auch. Findet er.

Trendsetter ist Liam Gallagher übrigens auch. Findet er.

(Foto: Warner Music)

Liam Gallagher, letzter echter Rockstar und wunderbarster Volltrottel des Planeten, hat eine neue Platte. Sie ist: Ach, spielt das denn eine Rolle?

Von Max Fellmann

Hach, diese Sprüche, diese Großmäuligkeit, dieses ganze ungebrochen breitbeinige Vollgeprolle. Herrlich. Was wäre die Rockmusik ohne solche Typen? William John Paul Gallagher, geboren vor 49 Jahren in Burnage, Manchester, berühmt geworden als Sänger der durch und durch größenwahnsinnigen Band Oasis, findet sich nach wie vor mit der allergrößten Überzeugung super. Ein Mann, seit bald 30 Jahren bewundernswert stoisch tänzelnd auf der dünnen Grenzlinie zwischen Übergröße und Lächerlichkeit.

Zum Beispiel gerade wieder die Phase mit der bescheuerten Mütze. So ein Klassenstreber-Ohrenschützer-Ding. Vollkommen daneben. Wochenlang lief er so rum, stellte sich sogar auf die Bühne damit. Niemand außer ihm, wirklich niemand, fand die Mütze cool. Dem Fotografen des New Musical Express sagte er beim Termin trotzdem, er werde sie auf keinen Fall abnehmen. "Die wird ein Trend!"

"Wenn man nicht mal bei Tescos klauen kann, wo kann man denn dann bitte überhaupt klauen?"

Oder die Geschichte mit dem Ladendiebstahl: Da wurde sein Sohn Gene mit ein paar anderen verwöhnten rich kids erwischt (darunter der Enkel von Ringo Starr, kein Witz). Es ging um eine Flasche Gin in einem Tescos, in etwa das UK-Gegenstück zu Aldi. Das Ganze kam vor Gericht. Liam Gallaghers öffentlicher Kommentar: "Wenn man nicht mal bei Tescos klauen kann, wo kann man denn dann bitte überhaupt klauen? Dieses Land ist am Ende." Jawoll!

Seit Ewigkeiten beknien die Ärzte Gallagher außerdem, er solle sich dringend ein künstliches Gelenk einsetzen lassen. Seine Hüfte ist hin. Kommt aber nicht infrage. Operationen, Gesundheit, alles Quatsch. Nimmt er halt ein paar Tabletten, muss auch so gehen. Dazu natürlich dieser Blick. Immer. Das gnadenlose Stieren, zu gleichen Teilen cool, provokant und wirklich enorm stumpf.

Immer noch ein Gesamtkunstwerk das alles. Eines, das kein Mensch versteht. Dave Grohl zum Beispiel hat in seinem Leben wirklich viele schräge Vögel erlebt, aber auch er sagt, er wisse beileibe nicht immer, was in Liam Gallagher so vorgehe. Es sei mit ihm, "als würde man eine Münze in eine Jukebox stecken und einfach aufdrehen. Er ist der letzte echte Rockstar!" Worauf der Gepriesene übrigens per Twitter antwortete: "Korrekt, die anderen sind alle völlig nutzlos".

Genau das ist der Grund, warum Liam Gallagher in seiner Heimat jetzt plötzlich wieder die Herzen zufliegen, mehr denn je. Dreizehn Jahre nach dem Ende von Oasis, zwanzig Jahre nach dem Ende von Britpop und "Cool Britannia", mitten im Irrsinn der Boris-Johnson-Jahre, zwischen Brexit-Chaos, Downing-Street-Skandalen und Pandemie-Regeln, sehnen sich die Briten offenbar nach einem, der einfach seinen Weg geht, egal, wie schräg oder merkwürdig, egal, ob richtig oder falsch. Der erhabenen Unfug redet, ohne je nachzudenken. Der nicht ständig die Realität hinterfragt, sondern sich um nichts schert. Stellvertretend für alle anderen, die sich Tag für Tag um so wahnsinnig viel scheren müssen - Arbeit, Familie, Alltag, Sorgen.

Inzwischen hat sich das Verhältnis verschoben. Noel Gallagher wird geschätzt - Liam wird geliebt

In den vergangenen Jahren dachte man ja, sein Bruder Noel hätte das Rennen gewonnen. Der Geistreiche, der Mann mit den smarten Sprüchen - und vor allem mit den guten Songs. Die waren ja alle von ihm, "Live Forever", "Cigarettes And Alcohol", "Wonderwall", "Don't Look Back In Anger". In England Volksgut, kann jeder mitsingen. Nachdem die überlebensgroße Oasis-Geschichte 2009 mit einer Bruder-Prügelei hinter der Bühne endete, machte Noel die weit besseren Platten. Es erschien so logisch. Liam dagegen gründete mit den Oasis-Resten die mittelerfolgreiche Band Beady Eye. Es folgten zwei Soloplatten. Beide okay. Aber nicht großartig.

Inzwischen hat sich das Verhältnis verschoben. Noel Gallagher wird geschätzt - Liam wird geliebt. Noel hält ironische Distanz zur Welt - Liam kennt kein Pardon, weder mit der Welt noch mit sich selbst. Wenn er sich auf eine Bühne stellt und seine Stimmbänder bei den alten Refrains so schikaniert, dass einem schon beim Zuhören der Hals schmerzt, dann ist das nun mal exakt das, worum es beim guten alten Rock 'n' Roll und all seinen Klischees immer ging: Wir gegen den Rest der Welt. Gib alles. Hau rein, als wenn's kein Morgen gäbe. Und so weiter.

Es kommt da mehr auf die Haltung an und weniger auf die Lieder. Riesenglück für Liam Gallagher. Denn sein drittes Soloalbum ist solide, aber eher kein Meisterwerk. "C'mon You Know" heißt es und enthält ein paar gute Melodien, ein paar hübsche Arrangements. Aber, um den Elefanten im Raum direkt anzusprechen: Ein Refrain von der Güteklasse Noel© findet sich da nicht.

Gallagher hatte viel Hilfe beim Schreiben. Geholfen hat es wenig

Dafür geht es los mit einem Kinderchor. Kirchentagsstimmung, irre. Muss man sich auch erst mal trauen. Gallagher knarzt "I wish I had more power", dann steigert sich seine Band in einen wilden Zwei-Akkorde-Sturm, der eigentlich ans Ende eines Albums gehören würde. Aber gut, hier will einer vom Start weg alles. Zart, besinnlich, groß, Breitwand. Die ganze Palette in vier Minuten und 23 Sekunden.

Danach tupft er den Pinsel einmal kurz in jede Farbe seines Malkastens. Ein leicht angefunkter Hüftschwung bei "Diamond In The Dark", klar, die Gebrüder Gallagher sind mit der Musik der Stone Roses aufgewachsen. "Don't Go Halfway" erinnert an die mittelprächtigen Songs der letzten zwei Oasis-Alben. Schwerer Rhythmus, viel Gitarrenbrei. Das Titelstück "C'Mon You Know" wird getrieben von dem Achtel-Bum-bum-bum, das auch Noel schon bei Velvet Underground geklaut hat, für den großartigen Oasis-Song "Mucky Fingers". Nichts von dem hebt allerdings so richtig ab. Trotz all der Kollegen, die ihm beim Schreiben geholfen haben.

"Too Good For Giving Up" ist denn auch der Pflichtbeitrag aus der Ideenkiste mit der Aufschrift "Imagine / Hey Jude". Getragene Klavierakkorde, hübsch, aber lang nicht so gut wie das Weihnachtslied "All You're Dreaming Of", das er Ende 2020 überraschend rausbrachte.

Es gibt dann noch von allem ein bisschen mehr - Rock-Gedresche mit merkwürdigen Durchhängern ("Everything's Electric", das hat Dave Grohl für ihn geschrieben), einen Folksong ("World's In Need") mit wirklich sehr simplen Zeilen: "Come baby blue / I'm waiting here for you". Mittendrin dann das arg unglücklich betitelte "Moscow Rules", aufgenommen lang vor Putins Angriff auf die Ukraine. Angeblich nicht mehr zu ändern. Gab Kritik von der Presse. War Gallagher egal.

"I'm Free" stampft ordentlich los, kommt aber nicht recht von der Stelle. "Better Days" ist dann fast der erhoffte große Song. Der Beat von den Beatles ("Tomorrow Never Knows"), dazu endlich ein starker Refrain, ein gut rausgeknatschtes "Beliiiiiieve Meeeeee". Aber auch hier setzt der Rhythmus oft aus, das Lied zerfällt alle paar Meter. Das Grundproblem dieses Albums: Es fühlt sich an wie ein Auto mit Zündungsschaden. Anfahren, abbremsen, anfahren, abbremsen.

Das Beste dann, immerhin, zum Schluss - "Oh Sweet Children", ein ehrlich zartes, ehrlich rührendes Lied. In den Strophen steht der Gesang teils völlig frei, ohne Begleitung. Und genau das ist ja eben das Großartige an diesem Vogel Liam Gallagher: Er ist jederzeit bereit, sich völlig nackt zu zeigen. So oft stürzt er sich in Gesangslinien, die er eigentlich kaum packt. So oft lehnt er sich zu weit aus dem Fenster. So oft setzt er sich mit seinen Sprüchen dem ungläubigen Gelächter seiner Mitmenschen aus. Und hier jetzt: ganz leise, ganz nah, als würde er sagen, schaut, das bin ich, schutzlos. Hier stehe ich und kann nicht anders.

Wie sagt schon die alte Weisheit: "It's the singer, not the song"

So wird er in wenigen Tagen auch wieder vor den Fans stehen. Er hat das Unglaubliche geschafft und Knebworth zweimal ausverkauft. Zwei Open-Air-Konzerte auf dem gleichnamigen Festivalgelände. Oasis haben dort 1996, auf dem Höhepunkt ihres Erfolgs, zweimal hintereinander gespielt, vor insgesamt 250 000 Zuschauern. Historische Marke, bis heute. Jetzt, da sein Bruder absolut nichts mehr mit ihm zu tun haben will, macht's Liam Gallagher eben einfach allein (zumindest auf dem etwas verkleinerten Gelände).

Aber wie sagt schon die alte Weisheit: "It's the singer, not the song". Am Ende wollen die Fans eben nicht nur die Lieder, sondern den Klang von Oasis hören. Also: diese Stimme. Seine Stimme. Wenn Noel Gallagher die Hits spielt, jubeln sie brav - aber wenn Liam sie singt, drehen sie durch. Vielleicht, weil sie für einen Moment die Augen schließen und sich einbilden können, Oasis zu hören. Vielleicht weil sich alles noch mal kurz so anfühlt wie damals, als Tony Blair Premier war und das Leben irgendwie bunter, einfacher. Sie werden sich besinnungslos in den Armen liegen, am 3. und 4. Juni. Liam Gallagher wird knarzen und nölen, bis die Stimme weg ist. Er wird über die Bühne schlurfen, so gut es seine Hüfte zulässt. Er wird vielleicht irgendeine bescheuerte Kopfbedeckung tragen und ganz sicher zwischen den Liedern mit vorgeschobenem Kinn ins Publikum stieren. Und er wird den Menschen geben, was sie genau jetzt brauchen. Anderthalb Stunden Working-Class-Traum zwischen Lachen und Weinen.

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