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Lese-Marathon und Staatsbesuch:Der Zweck des Theaters

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Peter Simonischek und Veronica Ferres beim Salzburger Lesemarathon rund um den „Jedermann“.

(Foto: Lukas Pilz)

Prominente Schauspieler und zwei Bundespräsidenten begingen in Salzburg 100 Jahre "Jedermann" - und trotz Corona-Einschränkungen verpflichtet sich das Festival beherzt zu einer großen Zukunft.

Von Egbert Tholl

Die Bedeutung dieses Geburtstages erkennt man daran, dass zwei Bundespräsidenten, die Österreichs und Deutschlands, zu Gast sind. Am 22. August 1920 begann um 17 Uhr die erste Aufführung des "Jedermann" auf dem Salzburger Domplatz, und mit ihr begannen die Salzburger Festspiele. Max Reinhardt inszenierte Hugo von Hofmannsthals 1911 in Berlin uraufgeführtes Stück an der frischen Luft, weil kein Geld für ein Festspielhaus vorhanden und ein österreichisches Mysterienspiel nicht rechtzeitig fertig geworden war. Im Grunde ist dies das langlebigste Provisorium der Theatergeschichte, das nun Alexander van der Bellen und Frank-Walter Steinmeier besuchten.

Allerdings nicht auf dem Domplatz, denn wenn auf eines in Salzburg Verlass ist, dann auf den Schnürlregen, der meist dann einsetzt, wenn man ihn gar nicht brauchen kann. So ging der Salzburger Erlebnistag für die Herren Präsidenten im Festspielhaus zu Ende; zuvor hatten sie das von Christian Thielemann geleitete Konzert der Wiener Philharmoniker und die Ausstellung "Orte des Exils" im Museum der Moderne besucht. Während sie dies taten, sprach auf der Terrasse des im Museum auf dem Mönchsberg beheimateten Lokals Klaus Maria Brandauer.

Dies war der Kern des Geburtstagsfests: Fünf Schauspieler, die seit 1983 den Jedermann verkörperten und im Falle von Tobias Moretti noch verkörpern, lesen in Salzburger Wirtsgärten, vervollkommnen Reinhardts Gedanken, die Kunst in die Stadt hinein zu tragen. Doch die Stadt als Bühne zu begreifen, fällt bei dem Regen etwas schwer, ausgedehnte Wanderungen bleiben aus, weshalb zwei der Jedermänner hier leider unberücksichtigt bleiben. Aber gelesen wird, wenn auch nicht unbedingt Hofmannsthal, dessen knarrende Verse vor der Domfassade ohnehin besser aufgehoben sind als im Wirtshaus.

Brandauer also beginnt. Als versierter Experte in Wirkmächtigkeit hebt er die Stimme an, wenn alle Glocken der Stadt das Wochenende einläuten, die Worte verschmelzen mit dem Kirchenklang zu einem bedeutungsschweren Amalgam, dessen Inhaltlichkeit sich erst nach und nach herausschält: "Es gibt nur einen Zweck des Theaters: Es gehört dem Schauspieler." Brandauer nutzt Max Reinhardts Worte als Abgesang auf das Regietheater, auch wenn dieser selbst in seiner Kunst schwankte zwischen der großen Arena, dem feinen Kammerton und dem Experiment.

Viele Künstler können noch nicht auftreten wie hier in Salzburg

Am Ende dieses langen Tages wird in der Felsenreitschule der Kinofilm gezeigt, den Max Reinhardt und William Dieterle nach Reinhardts "Sommernachtstraum"-Inszenierung 1934 in der Hollywood Bowl in Los Angeles drehten. Als "A Midsummer Night's Dream" Ende 1935 in die US-Kinos kam, war das Publikum fasziniert und verdattert zugleich, konnte diese Mischung aus Tricks, Avantgarde-Bildsprache und großem Getön kaum fassen. Zu diesem Zeitpunkt war Reinhardt noch nicht im Exil, Ende 1937 floh er vor den Nazis, die auch keinen "Jedermann" mehr zuließen. Da schließt sich ein Kreis zum Ausstellungsbesuch der Staatsmänner, denn die Orte des Exils sind jene, an die Künstler vor den Nazis flohen.

Alexander van der Bellen und Frank-Walter Steinmeier finden an diesem Tag auch noch Zeit zu einer gemeinsamen Pressekonferenz. Van der Bellen bezeichnet es als "Kleines Wunder", dass die Festspiele unter Corona-Bedingungen so stattfinden konnten und gibt zu bedenken, dass viele Kulturschaffende noch keine Auftrittsmöglichkeiten hätte und dringend Unterstützung bräuchten. Steinmeier betont, Kultur sei kein Luxusgut, sondern ein Lebensmittel. Dazu passend veröffentlichen der Salzburger Festspielfonds und das Direktorium des Festspiele zum Geburtstag ein Memorandum, das in zehn Punkten die Festspiele als qualitativ hochwertiges, zukunftsorientiertes Festival definiert und deren wirtschaftliche wie gesellschaftliche Bedeutung hervorhebt.

Peter Simonischek und Veronica Ferres - sie war drei Jahre seine Buhle, als er Jedermann war - konterkarieren das ohne Absicht und tragen frohgemut, neben anderen Anekdoten, eine Kritik aus dem Jahr 1921 vor, die dem "Jedermann" bescheinigte, bereits abgenutzt zu sein. Und Philipp Hochmair, 2018 fünfmal eingesprungen für den erkrankten Tobias Moretti, spricht dann doch noch Hofmannsthal. Im Stern-Bräu. Mit Musik. Im herrlichen Lärm seiner "Jedermann Reloaded"-Paraphrase entsteht vielleicht nicht gleich Zukunft, aber ein wenig pralles Leben.

© SZ vom 24.08.2020

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