bedeckt München

Lenin starb vor 80 Jahren:Der erste Pflegefall der Weltrevolution

Vor genau 80 Jahren verlebte Lenin nach Boullion und Kaffee seinen letzten Tag, politisch gestorben aber war er schon lange zuvor. Und er wusste es. Ein Besuch in seinem Sterbehospiz. Von Sonja Zekri

Zweimal hatte er Stalin um Gift gebeten. Zweimal hatte Stalin abgelehnt, aber aus seiner Verachtung für den siechen Parteiführer längst keinen Hehl mehr gemacht: "Lenin kaputt", hatte er gehöhnt. Lenins Siechtum dauerte zehn Monate, in denen er kaum sprechen und kaum gehen konnte: ein Pflegefall der Revolution. In dieser Zeit musste er mitansehen, wie Stalin, den er einst gefördert hatte und nun fürchtete, unanfechtbar wurde. Als Lenin vor achtzig Jahren mit 53 Jahren starb, war er politisch tot. Und er wusste es.

Seinen letzten Tag hat der Patient Wladimir Iljitsch wie die Tage zuvor mit Kaffee und Bouillon begonnen.

Seinen letzten Tag verlebte er wie die zehn Monate zuvor auf einem zauberhaften Anwesen, 30 Kilometer südlich von Moskau. Im ehemaligen Örtchen Gorki, das seit jenen Tagen "Gorki-Leninskie" heißt, liegt das klassizistische Gut des Bürgerkriegshelden Pisarow und Sinaida Morosowas, der Witwe des Textilmagnaten und Kunstsammlers Morosow. 1918 wurde das Gebäude-Ensemble enteignet und diente fortan als Sanatorium für die gestresste Parteinomenklatura. Siebzig Jahre lang drängten sich die Busse auf dem Parkplatz von Gorki. Tausende Besucher aus der Sowjetunion und aus befreundeten Bruderstaaten, Offiziere, Pioniere, Staatsgäste, pilgerten durch eine idyllische Parkanlage mit Birkenwäldern, vorbei an dem monströsen Museumsklotz, hinab zu jenem zitrusfarbenen Gut, in dem Lenin sich bereits nach dem Anschlag Fanny Kaplans 1918 erholt hatte. Dorthin brachte man ihn im Mai 1923 erneut, als er nach einer neuerlichen Grobheit Stalins einen dritten Schlaganfall erlitten hatte.

Noch waren damals die Reste vorrevolutionärer Pracht zu finden, die Schechtel-Möbel, die holländischen Kachelöfen, die Tische mit Intarsien-Arbeiten, der Wintergarten mit Marmorstatuen und Palmen. Aber allmählich wurde das Haus für den revolutionären Patienten zum behindertengerechten Krankenlager umgebaut. Zum ersten Stock, wo Lenins Arbeitszimmer lag, führt noch heute eine Treppe mit einem zweiten Treppengeländer, auf das sich der sieche Revolutionsführer stützte. Die Telefone im Erdgeschoss, die eigentlich eine direkte Verbindung zum Kreml schaffen sollten, aber offenbar nicht immer funktionierten - in Briefen beschwerte sich Lenin bitter über die "Sabotage" -, diese Telefone wurden für den halbtauben Revolutionsführer mit einem pfannengroßen Lautsprecher nachgerüstet. Proletarier aus Großbritannien hatten einen Rollstuhl geschickt, als sie von der Krankheit des geliebten Führers erfuhren. Allerdings musste das Gefährt mit der rechten Hand gelenkt werden, die Lenin längst nicht mehr gebrauchen konnte. Er ist nie darin gefahren. Am Morgen des 21. Januar 1924 glaubte niemand mehr daran, dass Lenin noch einmal die Geschicke Russlands würde lenken können. Offiziell regierte das anti-trotzkistische Triumvirat aus Sinowjew, Kamenjew - den Parteiführern Petrograds und Moskaus - und Stalin.

In Wahrheit aber war Stalins bürokratischer Umsturz so gut wie vollendet. Dass Lenin selbst Stalin zum Generalsekretär ernannt und ihm so erst die Möglichkeit verschafft hatte, den Parteiapparat in einer gigantischen Beförderungs- und Entlassungswelle gleichzuschalten, seinen imperialistischen Zugriff auf die anderen Republiken zu stärken, den - unter Lenin vorgebildeten Terrorapparat - zu perfektionieren und die Partei in die Spaltung zu treiben, ist nur eine jener fatalen Kontinuitäten, an denen auch Lenins berühmtes Testament" nichts ändert, in dem er alarmiert und verzweifelt vor Stalin warnte. Als die Notizen, die Lenin ab Dezember 1922 heimlich diktierte hatte, dann auf dem Parteikongress nach Lenins Tod bekannt gegeben wurde, saß Stalin bereits so fest im Sattel, dass er seinen Rücktritt anbieten konnte.

Seinen letzten Tag hat der Patient Wladimir Iljitsch wie die Tage zuvor mit Kaffee und Bouillon begonnen. Vielleicht hat er mit der linken Hand schreiben geübt auf jener Tafel, die heute noch auf dem Toilettentisch steht, vielleicht hat er sich im Wintergarten einen Film angesehen, einen Bericht der Genua-Konferenz oder etwas von Chaplin. Der Kinoliebhaber Lenin war nicht wählerisch. Ganz sicher aber tat er keinen Schritt und keinen Atemzug, ohne dass das inzwischen vierzigköpfige Ärzteteam davon Notiz nahm - und wiederum Stalin Rapport erstattete. Eine Apotheke für die Parteielite hatte Lenin selbst einrichten lassen, um die Gesundheit der Bolschewiki auch unter Bürgerkriegsbedingungen zu gewährleisten. Längst aber kontrollierte Stalin, der die Genesungschancen des Genossen Nr. 1 nachgelesen hatte, Besuche, Arbeitszeiten und Informationen unter dem Vorwand der Fürsorge. Als Lenin seiner Frau im Dezember 1922 einen Brief an Trotzki diktierte, tobte Stalin solange, sie habe die Anweisungen über Lenins Gesundheit missachtet, bis sie bleich und schluchzend zu Boden sank.

Am 21. Januar gegen 16 Uhr bekam Lenin einen weiteren Schlaganfall, das Fieber stieg, er fiel ins Koma, um 18 Uhr 50 starb er. Zwanzig Minuten lang versuchten die Ärzte, den Weltrevolutionär zu reanimieren, dann hielt man die Uhr an - der vergilbte Tschechow-Kalender zeigt noch immer den 21. Januar - und informierte dem Kreml. Keiner der großen Bolschewiken war in der Stunde seines Todes bei Lenin. Nur Nikolai Bucharin, Chefideologe der Partei und Chef der Parteizeitung Prawda, erklärte später, Lenin sei in seinen Armen gestorben. Es half ihm nichts. Er starb im Schauprozess von 1938, zwei Jahre nach der Hinrichtung Sinowjews und Kamenjews.

Noch bevor die Ärzte im Badezimmer die Leiche obduzierten, bevor zehn Mediziner den Totenschein unterzeichneten und der Bildhauer Sergej Merkurow die Totenmaske und Abdrücke von Lenins Händen abgenommen hatte, rollten die Limousinen aus dem Kreml. Einer aber fehlte. Leo Trotzki, der sich auf Empfehlung seiner Ärzte von einem rätselhaften Fieber am Schwarzen Meer erholte, erfuhr von Lenins Tod auf dem Bahnhof von Tiflis, schlimmer noch: Weil Stalin ihm einen falschen Termin nannte, fehlte er sogar auf der Beerdigung. Am Abend des 27. Januar hörte er im Sanatorium in Suchumi die Salutschüsse. Dass er Stalin die Bühne überließ, der sie - als ehemaliger Priesterschüler - für eine fast religiöse Inszenierung nutzt, dass Trotzki an Lenins Sarg fehlte, war unter allen taktischen Fehlern in dieser Zeit vielleicht der gravierendste.

Längst hingen Lenin-Bilder an den Häusern, gab es ein Leninmuseum und Leninporträts aus Blumen, kurz, einen Lenin-Kult, doch das war nichts gegen die nun einsetzende rauschhafte Ikonisierung mit der Umbenennung von Straßen, Fabriken und Städten, dem vieltausendfachem Sturm in die Partei und, gegen den Willen Lenins und seiner Witwe, der Mumifizierung durch die "Kommission für die Unsterblichmachung". "Als der Mensch Lenin starb", schreibt der britische Historiker Orlando Figes, "wurde der Gott Lenin geboren."

Heute, achtzig Jahre später, wissen wir: Auch Götter sind sterblich.

© SZ v. 21.01.2004
Zur SZ-Startseite