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Leipziger Buchpreis:Interesse am Hässlichen

Junge Menschen machen Fehler: Die Leipziger Jury verteidigt die Nominierung Helene Hegemanns, der Preis aber geht an Georg Klein: die richtige Entscheidung.

Zu Beginn der Zeremonie, in der am Donnerstagnachmittag der Preis der Leipziger Buchmesse verliehen wurde, sprach die Jury-Vorsitzende, die Literaturkritikerin Verena Auffermann, in eigener Sache. Sie reagierte ausdrücklich auf die "Leipziger Erklärung" vieler Schriftsteller für das Urheberrecht und gegen das Abschreiben sowie auf die massive Kritik an der Nominierung des Buches Axolotl Roadkill von Helene Hegemann. Die Jury habe das Buch Ende Januar nominiert, als man von den Plagiatsvorwürfen noch nichts gewusst habe.

Ästhetische, keine juristischen Kriterien

Die Jury habe die Plagiatsvorwürfe aber sehr ernst genommen. Doch habe sich die öffentliche Debatte über das Buch verselbständigt. Auffermann erklärt die große Diskussion mit der in der Branche herrschenden "Angst vor der Zukunft in unserer Bücherwelt". Zugleich wies sie den Vorwurf zurück, man dürfe ein solches Buch nicht nominieren. "Siebzehnjährige Autoren machen auch Fehler, so ist das nun mal", sagte Auffermann. "Wir entscheiden nach ästhetischen, nicht nach juristischen Kriterien." Die Jury bleibe habe in dem Debütroman eine Kraft vorgefunden, wie es sie nur in den Büchern sehr junger Autoren gebe.

Der Preis für das beste belletristische Werk des Jahres ging - in einem starken Wettbewerb, zu dem auch Anne Weber, Jan Faktor und Lutz Seiler gehört hatten - an Georg Klein. Das ist die richtige Entscheidung: Seitdem dieser Autor vor zwölf Jahren mit einer furiosen Lesung aus seinem Buch Libidissi, halb Agenten-, halb Schauerroman, den Ingeborg-Bachmann-Preis in Klagenfurt gewonnen hatte, blieb er zwar, mit weiteren Romanen, außerdem durch viele Zeitungsbeiträge und literarische Auftritte, in der Öffentlichkeit gegenwärtig. Aber nie reichte es bisher für ihn, der doch einer der wenigen großen Sprachkünstler der deutschen Gegenwart ist, zu einem entscheidenden Erfolg - immer argwöhnten allzu viele bei ihm allzu zu viel Interesse am Hässlichen und Körperlichen, auch eine allzu große Nähe zum Ur-Deutschen.

Dadurch, dass er nun für sein jüngstes Buch, dem Roman unserer Kindheit, (Rowohlt) den Leipziger Buchpreis erhält, könnte sich das ändern. Vor allem aber durch das Buch selbst, einer in Bildern wie in Gefühlen hochpräzisen Erinnerung an eine Augsburger Kindheit in den fünfziger Jahren, die erkennbar auch die seine ist. Klein bedankte sich bei den Figuren, die in seinen Roman eingegangen sind, zumal bei den nicht mehr Lebenden: "Es bedarf der Gunst unserer Toten." Zu den Toten darf man hier auch ein vergangenes Westdeutschland rechnen.

Unter den Nominierten der Belletristik hatte Helene Hegemann ihre Lesung aus Axolotl Roadkill abgesagt, bei den Sachbuch-Kandidaten war Frank Schirrmacher, einer der Herausgeber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, der mit Payback im Rennen war, nicht erschienen. Bisher hatte in Leipzig das historisch-politische Sachbuch dominiert, so auch im vergangenen Jahr mit Herfried Münklers Die Deutschen und ihre Mythen. An Münklers Stoff, aber nicht seinen Buchtyp knüpft nun Ulrich Raulff, der Direktor des Marburger Literaturarchivs, an. In seinem Buch Kreis ohne Meister: Stefan Georges Nachleben (C.H. Beck) zeichnet anekdotenreich und mit literarischen Mitteln die Wirkungsgeschichte des letzten deutschen Dichterpropheten auf melancholische, distanzierte Weise nach.

In der Sparte Übersetzerpreis gewann Ulrich Blumenbach mit seiner Übertragung des Romans Unendlicher Spaß (Kiepenheuer & Witsch) von David Foster Wallace, einer Jahrhundertaufgabe, die Blumenbach souverän bewältigt hatte. Sein größter Konkurrent dürfte Christian Hansen gewesen sein, der Robert Bolanos großen Nachlass-Roman 2666 (Hanser) übertragen hat. So beherrschte die jüngere Vergangenheit den Leipziger Buchpreis dieses Jahres, und gewiss nicht zu seinem Nachteil.