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Leipziger Buchmesse:Willkommenskultur

Die Eröffnung der Leipziger Buchmesse steht im Schatten der Schriftstellerdiskussion in Dresden. Um die Diskurse der Gegenwart kann sich die Buchbranche künftig nicht mehr drücken.

Von Felix Stephan

Gleich am Anfang der Eröffnungszeremonie der Leipziger Buchmesse ging es im Gewandhaus kurz zu wie im Internet: Als die Leipziger Bürgermeisterin Skadi Jennicke auf der Bühne die weitgehend unkontroverse Ansicht äußerte, dass man laut widersprechen müsse, wenn die größte Opposition im Bundestag die Mehrdeutigkeit von Kultur in Zweifel ziehe, begann irgendwo hinten ein Gast selbstvergessen und herzzerreißend zu buhen. Wieso auch nicht, die Strategie der deplatzierten Ungehaltenheit hat sich schließlich bewährt. Ein paar Tage zuvor hatte der westdeutsche Kleinverleger Götz Kubitschek in Dresden ja gerade erst vorgeführt, dass Rechte auf diese Weise in Deutschland zur Zeit mehr Aufmerksamkeit herstellen können, als sämtliche lebenden Nobelpreisträger zusammen. Nachdem er sich aus dem Publikum heraus in die Podiumsdiskussion eingeschaltet hatte, stand sein Name in der Berichterstattung plötzlich direkt neben jenen von Uwe Tellkamp und Durs Grünbein.

Auch Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer bekannte im Gewandhaus, dass er die Berichterstattung über die Schriftstellerdiskussion in Dresden als mangelhaft erlebt habe. In seinem Fall schließt das allerdings die Berichterstattung über ihn selbst mit ein. Kretschmer hatte früh erklärt, Tellkamp sei ihm als "kritische Stimme willkommen", die "schon wieder beginnende Stigmatisierung" hingegen "ärgerlich".

Daraufhin hatte es offenbar Nachfragen gegeben, weshalb sich Kretschmer bei seiner Rede im Gewandhaus überrascht zeigte von der Aufgeregtheit und der Hilflosigkeit der Debatte. Er wünsche sich vor allem Streit und Auseinandersetzung, schließlich resultiere die derzeitige Stimmungslage nicht aus zu vielen öffentlichen Debatten, sondern aus zu vielen unterlassenen.

Demonstranten halten vor dem Buchmessengelände aus Protest gegen die Präsenz rechter Verlage Bücher in die Luft.

(Foto: Sebastian Willnow/AFP)

Tellkamp selbst will da übrigens nicht mehr mitmachen, am Donnerstag sagte er seine Lesereise ab, wegen einer "nicht unerheblichen Gefahr, dass seine Lesungen zweckentfremdet und von Kräften gekapert werden, die mit Literatur wenig oder nichts zu tun haben". Das bestätigte auch der Eichthal-Verlag, der sein jüngstes Buch "Die Carus-Sachen" herausgibt.

Kretschmer sagte ansonsten, man dürfe ruhig auch die Verhältnisse beachten: Bei der Leipziger Buchmesse stünden 3600 Aussteller fünf rechten Verlagen gegenüber, von denen sich überdies gerade einer vor Gericht dagegen zur Wehr setze, als "rechter Verlag" bezeichnet zu werden. Angesichts dieses Gefälles wäre es für die Buchbranche theoretisch ein Leichtes, sich mit den Rechten einfach nicht weiter zu befassen, sondern stattdessen auf dem Leipziger Messegelände Küsschen zu verteilen, Bücher zu signieren und dann wieder in die ICE Sprinter nach Berlin, Hamburg und München zu steigen, um sich dort wiederum um die eigene Situation Sorgen zu machen. In den vergangenen fünf Jahren, das gesteht der Börsenverein jetzt auch öffentlich ein, haben die deutschen Verlage 18 Prozent ihrer Kunden verloren, was ungefähr den Zugewinnen sowohl von Facebook als auch der AfD entspricht, was zwar eher Zufall ist, hier aber doch als vielsagend empfunden wird.

Auch deshalb liegen die Dinge für Michael Kretschmer und Sachsen ein wenig anders als für die Wochenendgäste aus der Buchbranche. Nächstes Jahr wählt Sachsen einen neuen Landtag und obwohl sich die AfD seit ihren ersten Erfolgen unter Frauke Petry zusehends radikalisiert hat, könnte sie im Dresdner Parlament schon bald die größte Fraktion stellen.

Außerdem ist die Buchbranche dann eben doch nicht einfach nur ein Wirtschaftsverband. Vor genau 85 Jahren, im Jahr 1933, habe der Börsenverein des Deutschen Buchhandels noch aus Opportunismus die Bücherverbrennung unterstützt, wie der Vorsteher des Börsenvereins, Heinrich Riethmüller, im Gewandhaus nachrechnete. Für die Rolle, die der Verband damals gespielt hat, schäme er sich noch heute und ja, natürlich erwachse daraus auch eine besondere Verantwortung.

Leipzig, Sachsen, Deutschland sind dieser Tage jedenfalls vor allem mit sich selbst beschäftigt, was vor allem für Åsne Seierstad ein wenig undankbar war. Die norwegische Journalistin nahm an diesem Abend den Leipziger Buchpreis für Europäische Verständigung entgegen, mit dem sie in erster Linie für ihr Buch "Einer von uns" ausgezeichnet wurde, einer Langzeitrecherche über die Anschläge, die der rechtsextreme Massenmörder Anders Breivik 2011 in Norwegen verübt hat. Und weil sich das Thema des Buches so geschmeidig in den Tenor der politischen Eröffnungsreden fügte, könnte man fast aus dem Blick verlieren, dass "Einer von uns" nicht deswegen ausgezeichnet gehört, weil es von Breivik handelt, sondern weil es überwältigend gut ist. In jahrelanger Recherche hat Seierstad die Biografien der 69 Menschen, die Breivik im Jahr 2011 auf der Insel Utøya erschossen hat, rekonstruiert, die Eltern getroffen, Beerdigungen besucht, tausende Seiten Verhörprotokolle durchgearbeitet. Von Haus aus ist Seierstad Kriegsreporterin, sie war in Afghanistan, Irak und Syrien. Der Massenmord, mit dem Breivik die Islamisierung Europas verhindern und die abendländische Kultur bewahren wollte, war ihr erster Einsatz in ihrer Heimat. In Leipzig erzählte sie exemplarisch die Geschichte eines Mädchens "mit langen Haaren und einem Overall", das gerade auf Utøya die Sommerferien verbrachte, als Breivik die Insel erreichte und das Gewehr entsicherte. Als junge Aktivistin habe es gelernt, dass nur die besten Argumente den Gegner überzeugen. Das Mädchen habe Rhetorikkurse besucht und gelernt, wie man überzeugt, wie man eine Diskussion gewinnt.

Als es gesehen habe, wie Breivik ihre Freunde tötete, sei es auf ihn zugegangen und habe gesagt: "Das dürfen Sie nicht, Sie müssen aufhören zu schießen." Breivik, so Seierstad, "hob seine Waffe und schoss eine Kugel durch ihr Gehirn". Schon als Andenken an dieses "ungeheuer mutige Mädchen" dürfe man die Ideen, für die sie stand, nicht aufgeben.

© SZ vom 16.03.2018

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