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Lehrer-Schüler-Novelle:Eitler Abgott früher Jahre

Joachim Zelter: Wiedersehen. Novelle. Verlag Klöpfer & Meyer. Tübingen 2015. 130 Seiten. 18 Euro. E-Book 13,99 Euro.

(Foto: Verlag)

Joachim Zelter macht aus einem Wiedersehen einen Albtraum.

Von Ulrich Rüdenauer

Wenn es das Leben freundlich meint mit seinen Protagonisten, schickt es im rechten Moment einen guten Geist, der etwas in ihnen zum Vorschein bringt, das sie selber kaum in sich vermutet hätten. Ein solcher Mentor vermag einem die schönsten Flausen in den Kopf zu setzen; im besten Falle prescht man irgendwann mutig alleine weiter voran, blickt sich manchmal noch mit Dankbarkeit um, entweicht aber mit jedem Schritt dem langen Schatten des Förderers. Will man aber viel später das schöne Vergangene noch einmal heraufbeschwören, landet man oft in einer Farce: Eben das geschieht in Joachim Zelters charmanter, pointierter Novelle "Wiedersehen", die von einem außergewöhnlichen Lehrer-Schüler-Verhältnis erzählt.

Torsten Korthausen und Arnold Litten betrachten einander "als Meilensteine ihres Lebens". Als der Deutschlehrer Korthausen seinerzeit aus dem hohen Norden an Arnolds süddeutsches Gymnasium kam, erweckte er eine leicht stumpfsinnige Schülergeneration aus dem Schlaf der Unbedarften: Seine Unterrichtsmethoden widersprechen allen Vorgaben des Oberschulamtes; seinen Esprit muss das Lehrerkollegium als Affront auffassen, als Angriff auf die Mittelmäßigkeit sonstiger pädagogischer Bemühungen. Jede Stunde "ein Paukenschlag, ein Überraschungscoup, eine Neuerfindung". Der junge Arnold, von diesem Enthusiasmus mitgerissen, wird zum Lieblingsschüler Korthausens. So etwas prägt: Arnold verlässt die Schule im Bewusstsein, seinem Lehrer nun beweisen zu müssen, dass dessen Hoffnungen vollauf berechtigt waren.

Und tatsächlich wird Arnold Litten zum akademischen Überflieger. Er erwirbt Titel und Meriten, gilt als ausgewiesener Kafka-Kenner, brilliert aber auch auf allen möglichen anderen Gebieten seines Fachs. Der Schatten des Lehrers schwebt als Spiritus Rector über dieser Karriere, und daher rührt Littens Scheu, leibhaftig mit ihm in Kontakt zu bleiben. Arnold Litten schwärmt von seinem einstigen Lehrer wie andere von einer großen, nie mehr erreichbaren ersten Liebe. Und natürlich ist die Aufregung groß, als es nach Jahrzehnten doch zu einem Wiedersehen kommen soll. Korthausen lädt seinen ehemaligen Vorzeigeschüler zu sich ein: Litten soll der von Korthausen großzügig einberufenen Abendgesellschaft als sein Meisterwerk präsentiert werden.

Das ehemalige Schachgenie wurde vom Leben mattgesetzt und taugt nur noch zum Bauernopfer

Die Begegnung wird zu einem veritablen Fiasko. Der mit überbordendem Stolz und Renommiergehabe angekündigte Universitätsstar versagt auf ganzer Linie. Unbeholfen und ungeschickt stolpert er durch die Party; beim Vortrag, den er spontan halten soll, verhaspelt er sich unrettbar. So wird Litten zum bemitleidenswerten Zögling, der vor seiner anspruchsvollsten Prüfung steht - und durchfällt. Ein ziemlicher Albtraum. Sigmund Freud beschrieb so etwas vor mehr als 100 Jahren. Der Maturatraum komme nur bei Menschen vor, die diese Prüfung bestanden hätten, nie bei solchen, die an ihr gescheitert seien. Der Traum wirke als Trost, denn die Angst vorm Scheitern erwies sich ja in Wahrheit als unnötig.

Zugleich aber versteckt sich im Traumgeschehen auch ein Vorwurf: So weit ist man also gekommen, ist etwa gefeierter Professor geworden, und sorgt sich lächerlicherweise noch immer um sein Ansehen. Versagensfurcht, Impotenzängste - das ganze Programm. Litten ist nicht frei davon; überhaupt ist er ganz und gar nicht frei, und dass er nicht nur vor Korthausen, sondern auch vor seiner Freundin, die mit ihm auf die Reise zum ehemaligen Lehrer geht, bestehen will, macht die Sache psychologisch nicht unbedingt einfacher.

Das Personal, das Zelter in seiner Novelle aufbietet, um Litten auf Pennälergröße zu stutzen, hat großes satirisches Potenzial, das der Autor geschickt und treffsicher auszuspielen versteht. Man könnte einem solchen Ensemble bei jedem Klassentreffen begegnen: der etwas tumben Kunstlehrerin, dem skurril-weltfremden Lateinlehrer, dem ehemaligen Schachgenie, das vom Leben mattgesetzt wurde und nur noch als Bauernopfer dient. Korthausen selbst entpuppt sich als eine selbstverliebte Knallcharge, deren Eitelkeit weit ausgeprägter ist als seine Begabung. Dass er trotzdem bewundert wird, hat seinen Grund vor allem in der Durchschnittlichkeit der von ihm geladenen Claqueure.

Zelter, dessen Bücher von ihrem humoristisch-ironischen Ton leben, überzeichnet seine Figuren so gnadenlos und zugleich, als würde ein Karikaturist lediglich einen ganz groben Bleistift zur Verfügung haben, dabei aber durchaus seinen eleganten Stil bewahren wollen - das ist intendiert und ergibt einen schönen befremdlichen Effekt. Mit dem letzten Satz erkennen wir allerdings ein bisschen zu deutlich, warum das so ist: Litten erwacht tatsächlich aus einem Albtraum.

Was ihm und uns das sagen will? Zuweilen sollte man die Konfrontation mit den Idolen der Vergangenheit scheuen und sich lieber das Bild bewahren, das man einmal in jugendlicher Naivität von ihnen angefertigt hat. Oder besser noch: sie zum Teufel jagen.

© SZ vom 13.07.2015

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