Lebenswerk Welt in Stücken

Wie so viele Katastrophen wurde auch diese „Ruine / Ruin“ (2017) von Thomas Demand aus Papier gebastelt.

(Foto: Thomas Demand, VG Bild-Kunst, Bonn 2019)

Der Künstler Thomas Demand hat ein Buch über drei Jahrzehnte seines Schaffens gestaltet. Es heißt "The Complete Papers" - und ist ein eigenes Kunstwerk

Gastbeitrag von Michael Diers

Kürzlich hieß es in der E-Mail einer deutschen Kunstbuchhandlung, "die Zeit der auf Papier gedruckten Bestandskataloge von Museen und Sammlungen wie auch die der Lexika" sei eigentlich vorbei. Zum Glück aber habe sich das Kölner Museum Ludwig nochmals zu einem solchen Projekt aufgerafft, und es sei, siehe da, doch eine höchst löbliche Publikation zustande gekommen. Dieses Prinzip ist in der bildenden Kunst eher die Regel als die Ausnahme. Nicht nur jeder Besuch eines Buchladens zeugt angesichts der Fülle oft aufwendig gestalteter Neuerscheinungen, von dieser Sonderstellung des Kunstbuchs in einer Zeit allgemein eher rückläufiger Lust am Buch. Architekten, Designer und bildende Künstler mögen auf Bücher nicht verzichten, seien es Kataloge oder illustrierte Werkschauen. Dabei geht es insbesondere um die Abbildungen, hinter denen die Texte oft zurückstehen.

Eine Sonderstellung unter diesen kapitalen Bänden stellt das Genre des Catalogue raisonné dar. Ein solches Verzeichnis "sämtlicher Werke" repräsentiert in der Welt des Kunstbuches ungefähr das, was eine Retrospektive im Ausstellungswesen darstellt. Für die ältere Kunstgeschichte galt, dass eine solche Übersicht erst nach dem Tod eines Künstlers erstellt werden konnte, denn schließlich hieß es, ein Opus in Gänze zu erfassen und wissenschaftlich zu erschließen.

Die Zeiten haben sich allerdings gewandelt. Während die Künstlerin oder der Künstler sich durch einen Katalog ihrer Werke über das geschaffene Oeuvre Rechenschaft ablegen, sind vor allem auch die Kenner, Sammler und Händler vom Galeristen bis zum Auktionator an einem wissenschaftlich fundierten und autorisierten Nachweis der Werke interessiert.

Ein Konzept kann die Anlage auf mehrere Bände sein, die dann nach und nach erscheinen. In Deutschland ist dabei Gerhard Richter ein Vorreiter. Vier Bände sind inzwischen erschienen. In den USA hat sich Artifex Press mit Sitz in New York auf digitale Werkverzeichnisse von amerikanischen Künstlern der Gegenwart spezialisiert. Die Daten kann man abonnieren - Korrekturen und Ergänzungen inbegriffen. Da solch ein riesiges Datengerüst immer "in flux" sei, begegne man so dem Dilemma, mit Druckwerken nur eine abgeschlossene Übersicht zu präsentieren.

Sei's drum, mag sich Thomas Demand gesagt haben, als er sich entschlossen hat, eine Art Werkverzeichnis vorzulegen. Sein kürzlich bei Mack in London erschienenes Buch trägt den Titel "The Complete Papers". Das klingt kaum weniger anspruchsvoll als Catalogue raisonné, wenn auch nicht ganz so gravitätisch. Die Pointe des Titels liegt auch darin, dass Demands Material in allererster Linie das Papier, die Pappe und der Karton sind und dass die Fotografien, die aus diesen Ensembles entstehen, aus Papier gefertigt sind.

Der zweite Clou liegt darin, dass "Complete Papers" auf das Feld der Politik anspielt, man denke an die "Complete Pentagon Papers" oder die "Panama Papers". Zudem spielen Geheimpapiere in vielen Arbeiten Demands eine Rolle von Stasi-"Büro/Office" (1995) über die römische "Embassy" von 2007 von Niger bis zu Trumps ungeöffneten "Folders" aus dem Jahr 2017, mit denen der amerikanische Präsident der Welt weismachen wollte, er habe alle Geschäftskontakte aufgekündigt.

Wenn man Thomas Demands Bücher und Kataloge durchsieht, dann sind sie immer dann, wenn der Künstler selbst das Sagen hatte, durch eine große gestalterische Sorgfalt, Raffinesse und Varietät ausgezeichnet - vom Layout bis zu den Papieren und dem Einband, ein Luxus, der wegen der hohen Herstellungskosten nur selten anzutreffen ist.

Wie lässt sich bei einer derart ausgeprägten Liebe zum Buch das verschmockt Spießige eines bloß bibliophilen Buches verhindern? Indem man Form und Inhalt intelligent, attraktiv und zeitgemäß kombiniert. Mit den Demandschen "Complete Papers" liegt im Design von Naomi Mizusaki/Supermarket und dem Layout von Morgan Crowcroft-Brown ein solches Buch vor, von dem die Alten um die vorletzte Jahrhundertwende herum unter dem Titel eines idealen "Book Beautiful" (T. J. Cobden-Sanderson) geschwärmt haben: Ein schwerer Quartband aus starker Pappe mit einem Überzug aus dem politisch aktuellen Motiv "Ruine/Ruin" (2017), das ein mit Bombenschutt angefülltes Interieur zeigt.

Auf diesen düsteren Fond ist ein weißes Papier montiert und darauf der Titel in Versalien Weiß-auf-Weiß geprägt. Der Titel auf der Rückseite ist farblos auf das Grau des Untergrundes gestanzt, kaum lesbar, aber zu ertasten. Auf diesem Platz prangt üblicherweise der Künstlername.

Der Block steckt in einem Schuber, der analog gestaltet ist und Künstlernamen und Titel fast zum Verschwinden bringt, dafür aber auf der Kehrseite die Liste der Autoren Schwarz auf Weiß in alphabetischer Reihenfolge zu lesen gibt. Das Buch versteckt sich in seinem Schuber wie in einer Garagenbox, verheißt dem Motiv nach inhaltlich auf eine Welt in Stücken, wechselt aber im Inneren ins Helle und Farbige hinüber. Allerdings muss man noch einen braunvioletten Papiervorhang passieren, der als Motiv die festen und fliegenden Vorsätze illustriert.

Danach wird vor dem Leser, der in erster Linie als Betrachter angesprochen ist, beginnend mit dem Jahr 1994, das Gesamtschaffen des Künstlers von dessen 30. Lebensjahr an ausgebreitet. Die Werke der Studentenzeit bleiben ausgespart, sie kommen aber in einer ausführlichen Unterhaltung mit Russell Ferguson, welche den Auftakt des Bandes bildet, zur Sprache. Farbige Papiere liegen lose eingestreut zwischen den fadengehefteten Seiten und kündigen den Jahreswechsel oder -fortschritt an. Nimmt man sie heraus, so hat man einen kleinen Farbfächer jener Materialien in Händen, aus dem die Demand'sche Welt in erster Linie gefertigt ist.

"Meide beliebiges Handwerkzeug", heißt es an die Adresse des Schriftstellers gerichtet in Walter Benjamins "Einbahnstrasse". Beliebig ist im vorliegenden Band nichts, alles ist mit Bedacht und zum Vergnügen des Lesers arrangiert - hervorragende Farbabbildungen der 467 gelisteten Werke plus einige un-nummerierte Arbeiten - warum diese nicht einbezogen sind, wird nicht erläutert - sowie Installationsansichten.

Den Abschluss der 504-seitigen Publikation bilden das Ausstellungsverzeichnis und die Demand-Bibliografie mit kleinen Abbildungen der angeführten Bücher. Kommentiert, wie ein klassisches Werkverzeichnis sind die "Complete Papers" allerdings nicht, sie begnügen sich mit den Angaben zu Titel, Jahr, Technik und Format, nicht einmal die Höhe der Editionen wird erwähnt.

Auch die Herausgeberin Christy Lange meldet sich nicht eigens zu Wort. Im einleitenden Gespräch oder auch in den Aufsätzen und Gedichten rücken einige Werke näher in den Blick, aber im engeren Sinn fehlt alles vermeintlich Akademische. Die integrierten, in der Regel bereits zuvor publizierten Texte namhafter Autoren, darunter Germano Celant, Beatriz Colomina, Jeffrey Eugenides, Michael Fried, Hal Foster, Alexander Kluge, Jacques Rancière oder Jeff Wall, formen eine Anthologie, die jenen Kosmos aus Rang und Namen bedeutender Kuratoren, Künstler, Schriftsteller und Kunsthistoriker spiegelt, den Thomas Demand um sein Werk herum geschaffen hat.

Selbstverständlich geht es dabei auch um Nobilitierung, Geltungsansprüche und nicht zuletzt auch um Eitelkeit. Sich einen Namen zu machen, ist allerdings ein möglicher Schritt, um in der Welt der Kunst Fuß fassen und wirkungsvoll mitreden zu können. Demand setzt diesen Einfluss nicht nur als Künstler, sondern auch als begabter Kurator seit Jahren dafür ein, instruktiv zum kritischen Verständnis der Bilderwelt, die uns umgibt, beizutragen. "The Complete Papers" belegen dies ebenso eindringlich wie anregend.

Thomas Demand: The Complete Papers, herausgegeben von Christy Lange. Verlag Mack, London 2018. 504 Seiten, 80 Euro. Michael Diers ist Kunsthistoriker in Hamburg und Berlin.