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Kurzkritiken:Entweder alle Toten zählen oder keiner

Krimis aus Amerika, Kirgisistan und Australien. Auch Wyatt ist endlich wieder da, der Held von Garry Disher. Einzelgängerei als Lebensform, das heißt harte Arbeit.

Es glüht unter Campell's Run, schon fünfzig Jahre lang, tief in der Erde. Aber erst nach zehn Jahren machte das Minenfeuer sich an der Oberfläche bemerkbar, ein kleiner Krater in einem Hinterhof, ein Erdspalt, der sich öffnet und eine Harley schluckt. Der Ort, der ein Zentrum des Kohleabbaus war, ist längst am Ende, wüstes, vergessenes Hinterland, ohne Zukunft. In diese Öde aus toten Bäumen und Erdspalten wird Police Chief Dove Carnahan zu einem Mordfall gerufen: "In eins dieser schwelenden Löcher im Boden hat jemand das tote Mädchen gesteckt." Zuvor hat er es angezündet, die Leiche ist stark verkohlt.

Tawni O’Dell: Wenn Engel brennen. Aus dem Englischen von Daisy Dunkel. Ariadne/Argument Verlag, Hamburg 2019. 452 Seiten, 21 Euro.

Um sie rauszuholen, muss einer in das Loch steigen, und Carnahan macht's, "ich ziehe sie sanft an mich, wobei ich das Geräusch, den Geruch und das Gefühl von versengtem Fleisch und verbrannten Knochen ignoriere und mir das Mädchen vorzustellen versuche, das sie war, bevor ihr Herz zu schlagen aufhörte und ihre Seele sich verflüchtigte". Dove ist die leichteste unter den Cops, aber auch die mit dem exklusivsten Outfit - "einen irisblauen Rock mit Blazer und neue taupefarbene Lacklederpumps, die ich gerade mit einem Dreißig-Prozent-Gutschein bei Kohl's gekauft habe. Meine Bluse hat ein leuchtendes Blumenmuster zu Ehren des strahlenden Sommertags."

Dove Carnahan, eben fünfzig geworden, ist die erste Polizeichefin der Stadt, und der Roman von Tawni O'Dell erzählt, durch die Krimiintrige hindurch, von Frauen in der amerikanischen Gesellschaft, ihren Rollen in der Familie, wie sie mit Vorurteilen zurechtkommen und mit dem Alter. Es ist ein Matriarchat und auch Dove erprobt in der Gemeinschaft mit ihren Geschwistern Formen der Mütterlichkeit.

Tom Callaghan: Erbarmungsloser Herbst. Aus dem Englischen von Kristian Lutze und Sepp Leeb. Atlantik/Hoffman und Campe, Hamburg 2019. 349 Seiten, 12 Euro.

Manchmal mag der Kommissar Borubaew ziemlich tiefsinnig werden, zum Beispiel, wenn er sich plötzlich wieder an die junge Drogentote erinnert in der Anatomie, wo sie "ihrer Geheimnisse, Hoffnungen und Identität beraubt" wurde. "Ich sah ihre blasse Haut und die Einstiche der Spritze vor mir, hatte den Moment ihres Todes noch in der Nase. Ich wusste von den Kindern dieser Welt, die nie ihre sein würden, von dem Zuhause, auf das sie so stolz, dem Mann, der ihr treu gewesen wäre. Entweder alle Toten zählen oder keiner. Eine Philosophie, nach der ich bisher zu leben hatte. Und die mich eines Tages vielleicht umbringen würde."

In diesen Momenten der Trauerarbeit schlägt der coole Sarkasmus des Erzählers, in der Noir-Tradition von Chandler und Hammett, ins Pathos um. Borubaew, Kommissar in Kirgisistan, ist in diesem abschließenden Band der Tetralogie von Tom Callaghan plötzlich ein Ex - und ein Spielball in den Macht- und Wirtschaftsspielen zwischen der asiatischen Mafia, dem Minister für Staatssicherheit, seiner Freundin, der Killerin Saltanat, und Drogendealern in Bangkok. Er wird Drogenbaron und skizziert uns, wie das Drogengeschäft der Zukunft verlaufen könnte.

Garry Disher: Hitze. Aus dem Englischen von Ango Laina und Angelika Müller. Pulp Master, Berlin 2019. 278 Seiten, 14,80 Euro.

Wyatt ist wieder da, der kriminelle ProfiHeld von Garry Disher, noch ein bisschen einzelgängerischer als Richard Starks Parker. Einzelgängerei als Lebensform, das heißt harte Arbeit. Nie auffallen, keine Spur hinterlassen, immer wieder die Identitäten wechseln. Wyatt braucht Geld, und zwar - weil die Jungs heute drogensüchtig sind und die einfachsten Regeln der Spurlosigkeit nicht beachten - einen Solojob. Das soll diesmal der Diebstahl eines Gemäldes sein, eine ländliche Szene von David Teniers. So rutscht Wyatt in aktuelle Turbulenzen um Restitutionen und dann weiter in die um Pädophilie. Und hat erstmals mit einer Frau zu tun, die selbst eine Waffe in die Hand nimmt.

Existenzialismus ist in der australischen Weite noch stärker konturiert als in den amerikanischen Städten. "Er hatte keine Geschichte, es sei denn, man könnte eine hervorzaubern aufgrund der Tatsache, dass er jetzt existierte und zuvor nicht existiert hatte. Und eines Tages nicht mehr existieren würde." Am Ende zieht Wyatt ab mit einer Tüte voll Geld und einem kleinen australischen Meister, Hans Heysen.