Kurzkritik Wahrheitssucher

Jonas Kaufmann singt Mahlers "Lied von der Erde"

Von Egbert Tholl

Man muss das Sinfonieorchester Basel einmal mit seinem Chefdirigenten Ivor Bolton erlebt haben, dann weiß man, wozu dieses fabelhafte Orchester in der Lage ist. Der stets vibrierende Bolton lädt auch schon mal das Basler Publikum in ein kostenloses Konzert ein und stellt mit Ausnahmesolisten Ausschnitte aus kommenden CD-Projekten vor. Wer will, kann danach etwas in die Kollekte geben, wie in der Kirche.

Das sei erwähnt, weil Jochen Rieder zum Aufwärmen Richard Strauss" "Also sprach Zarathustra" dirigiert und dabei das Orchester weit unter Wert verkauft - es fehlen Glanz, Härte, strukturalistische Ordnung. Dafür gibt es weiche Unbestimmtheit.

Aber ehrlich: Im Kern ist es völlig wurscht, was hier in der Philharmonie vor der Pause passiert, denn danach kommt Gustav Mahlers "Lied von der Erde", und Jonas Kaufmann singt alle sechs dieser Orchesterlieder, also die für Tenor und die für Alt oder Bariton, je nach Fassung. Hier passt dann übrigens auch Rieders Dirigat besser, vielleicht nehmen auch einfach die Musiker bei der solistisch durchwirkten Partitur das Heft selbst in die Hand. Sonderlich viel Rücksicht auf Kaufmann nimmt Rieder jedenfalls nicht, aber es gibt viel Klangzauberei.

Erstaunlich, wie sich Jonas Kaufmann wenige Tage nach seiner Hochzeit in diese Lieder der Sehnsucht und Herzenseinsamkeit hineinwirft. Nie strebt er Perfektion oder glatte, stimmliche Meisterschaft an. Nein, er sucht eine brüchige Wahrheit in der Interpretation. Ein Beispiel: Im "Trinklied vom Jammer der Erde" kommt drei Mal der Vers "dunkel ist das Leben, ist der Tod". Das erst Mal gestaltet Kaufmann ihn aus einem großen Weh heraus offen, beim zweiten Mal als vorläufiges Resümee, beim dritten Mal, nach einer Passage voller Hohn, wird der Vers Erkenntnis. Registerwechsel nimmt Kaufmann als Ausdrucksmittel, jedes Wort ist gedacht. Vor allem die Lieder am Rande des Abgrunds geraten ihm wunderschön. Im "Abschied", nach dem langen Orchesterzwischenspiel, kehrt seine Stimme wie aus dem Nichts zurück, ein heiserer Hauch, extrem kontrollierte Zartheit. Ach.