Kurzkritik:Völlig planlos

Stephanie Felbers "L'atelier de flanerie" im Einstein

Von Sabine Leucht

Der Gips, der das Raumlabyrinth behelfsmäßig erdet, ist noch feucht. Er hinterlässt weiße Spuren auf Jeans und Schuhen der drei Frauen, die sich nach und nach als die Performerinnen des Abends zu erkennen geben, den die Münchner Tänzerin, Choreografin und Bildende Künstlerin Stephanie Felber im Einstein Kultur angerichtet hat. "L'atelier de flanerie" ist die in den Genuss einer städtischen Debütförderung gekommene Auseinandersetzung mit dem Gehen ohne Ziel, die mit Walter Benjamin kokettiert und sich als Schule der Wahrnehmung begreift, fürs erste aber eine Fingerübung bleibt: Eine in drei Teile zerfallende Stunde, zu deren Beginn die Besucher den Raum erkunden.

Die mit stabilen Kunststoffnetzen bespannten Plastikrohrgebilde darin könnten stracks dem Spontan-Workshop kreativitätstechnisch ausgehungerter Baumarkt-Mitarbeiter entsprungen sein. Sie bilden mit ihrer nicht uncharmanten bildnerischen Naivität ein durchaus übersichtliches Labyrinth mit wenigen Sackgassen. Sich selbst darin als Gehenden zu erfahren wirbelt zwar nicht gerade spektakulär Sinne und Geist durcheinander, bekommt aber in dem Augenblick einen Dreh, als die erste offensichtlich bewusst geformte Bewegung sehr nah am eigenen Körper auftaucht. Performerin Nummer eins spricht dazu über Gehstrategien und Streckenplanung. Nummer zwei beschreibt ebenso sachlich konkrete Bewegungen etwa des Beines und der Hand, die sie behutsam ins Tänzerische übersetzt. Zu Danai Panou und Esta Matkovic gesellt sich zuletzt auch Alessandra Fabbri, die sich auf dem Rücken liegend fortbewegt und dabei von ihrer Wirbelsäule berichtet.

Die drei wechseln in ihre jeweilige Muttersprache und lassen ihre komplexer werdenden Bewegungen ineinandergreifen. Das Band zum Gehen aber existiert vorerst bloß verbal. Und wenn am Ende dann wirklich gegangen wird - durchaus gezielt immer je zehn Schritte in die eine und zehn in die andere Richtung - wirkt das derart hermetisch, dass sich Interventionen des Publikums wie Störungen ausmachen. Das irritiert, ist seine mitflanierende Anwesenheit doch gewollt und ein Repertoire an reaktiven Bewegungen offenbar auch vorhanden. Also was genau war jetzt noch mal der Plan?

© SZ vom 14.12.2015
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