Kurzkritik Tiger im Serail

Mozarts "Zaide" mit dem Rundfunkorchester

Von Egbert Tholl

Mozarts Witwe Constanze durchsuchte acht Jahre nach dessen Tod die Hinterlassenschaften ihres Gatten und fand ein ganz erstaunliches Werk. Ein Singspiel, ein ähnliches Sujet wie "Die Entführung aus dem Serail", nur vor dieser entstanden, vermutlich um 1779 herum. Sogenannte "Türkenopern" waren damals in Mode, aber in dem Fundstück tauchten gar keine morgenländische Klanganleihen auf. Dafür etwas ganz anderes: zwei Melodramen, eine Form, mit der Mozart danach nie mehr experimentierte. Melologo heißt dies bei ihm, und anders als bei einem echten Melodram wechseln sich hier ein Sprecher und die Instrumentalmusik stetig ab. Das Werk, das bald den Namen "Zaide" erhielt, war fast vollständig, es fehlten eine Ouvertüre, der Schluss und die gesprochenen Dialoge. Wird "Zaide" heute aufgeführt, kann man sich seine eigene Fassung basteln. Nicht immer glückhaft.

Im Prinzregententheater beweisen Miah Persson (Zaide, gefangen im Serail), Jeremy Ovenden (Gomatz, gefangen im Serail) und Nikolay Borchev (Allazim, Wächter im Serail und Fluchthelfer der beiden), dass Opernsänger nicht die besten Sprecher sind. Die Dialoge wirken breit, zopfig, langatmig. Persson macht dies im Gesang wett - Zaides "Tiger"-Arie, die zum besten gehört, was Mozart je schrieb, ist ein grandioser Ausbruch funkelnden Zorns. Ovenden und Borchev wirken hingegen irritierend farblos, das Münchner Rundfunkorchester unter Rinaldo Alessandrini hingegen spielt sehr munter und farbenfroh.

Nach der Pause kommen der Sultan (Jörg Schneider) und Osmin (Levente Páll) und die Aufführung blüht auf. Die beiden sprechen die Dialoge mit Schmäh, Witz und eleganter Souveränität, haben genau die richtigen Stimmen für dieses Singspiel - aus einem Konzert wird nun Theater. Am Ende große Heiterkeit über das maximal unwahrscheinliche Happy End. Das Mozart, entgegen der Konvention, vermutlich gar nicht im Sinn hatte.