Kurzkritik Tiefenbohrung

Jelena Kuljić mit ihrer Band "Kuu!" in der Unterfahrt

Von Oliver Hochkeppel

"Wir sind eigentlich keine Jazzband," gestand Jelena Kuljić zwischendurch beim Auftritt ihrer Band Kuu! dem zahlreich versammelten Publikum im Jazzclub Unterfahrt. "Ich hatte schon Angst, Ihr schreit 'Geld zurück!'." Obwohl einige im Saal mit der Musik zumindest anfangs sichtlich fremdelten, ist es so weit nicht gekommen. Denn es war bei diesem Geständnis ja eine Menge Koketterie im Spiel, der Wahrheit kam Kuljić hinterher näher, als sie bemerkte, endlich sei sie alt genug, so eine Musik zu spielen.

Denn wie soll man das nennen, was da gespielt wurde, wenn nicht doch Jazz: Zwar sind die Gitarren-lastige Besetzung wie die Songstrukturen dem Rock und Pop entliehen, die Spielweise aber keineswegs. Wie Christian Lillinger sein Schlagzeug mit furiosen, ständig Schwerpunkt, Tempo und Lautstärke ändernden, trotzdem immer federnden Hochdruck-Kaskaden überzieht; wie die Gitarren von Kalle Kalima und Frank Möbus aufeinander eingehen und dabei kontinuierlich (und mitunter ganz frei) neue Riffs, Sounds und Farben ausprobieren; wie schließlich Kuljić selbst ihre Geschichten oft lautmalerisch und mit diversen Effekten in eine eigene Art Scat-Gesang treibt - das findet man höchstens bei den avantgardistischsten Rockbands, und die laufen heute auch gerne unter dem Label "Jazz".

Am Ende zählt ohnehin viel mehr die enorme Kraft, mit der Kuljić einem ihre Geschichten - traurig-poetische wie die Mittelmeer-Überfahrt im Seelenverkäufer "Ocean Queen", wütende wie "I hate you hater" oder witzige wie "Thank you Island" - ins Herz und ins Hirn treibt. Das Bühnen-Charisma dazu hat sie als Kammerspiel-Ensemblemitglied sowieso, aber sie schafft es hier vor allem mit ihrer überwältigenden Stimme. Manchmal erinnert sie einen fast an Michael Schiefel - als dunkleres, männlicheres Pendant. Die Energie des Rock und der Geist des Jazz treibt diese vier gleichermaßen an. Was dabei herauskommt, ist einfach nur umwerfend gute Musik.