Kurzkritik Schillernd

Opernfestspiele: "Der Rosenkavalier"

Von Rita Argauer

Wenn sich die Marschallin am Ende des ersten Akts ihres Alters bewusst wird, erstrahlt Anja Harteros in Otto Schenks Inszenierung des "Rosenkavaliers" unter Kirill Petrenko erstmals in berückend reifem und düsterem Glanz. "In dem Wie, da liegt der ganze Unterschied", singt Harteros, ahnungsvoll und dabei doch verspielt. Und Petrenko nimmt diese Spieleinladung an und verwirklicht das in einem umwerfend klugen Dirigat.

Besonders auffällig ist Petrenkos Interpretation im Thema des Wiener Walzers, als derbe und anzügliche Lieblingsmelodie des wunderbar wienerisch und prollig-polternden Günther Groissböck als Ochs. Wenn dann nach der Farce im dritten Akt die Ochs'sche Selbstverliebtheit angekratzt ist, dann packt Petrenko etwa diesen Walzer in ein lautes und breites Gewand, erinnert an die Volksmusik-Grotesken Gustav Mahlers. Die Beispiele davor: Dieses Walzerthema kann auch klingen wie aus einer Spieldose. Oder, am Ende des zweiten Akts - Ochs, selbstmitleidig verletzt, aber dennoch auf das Rendezvous mit dem Octavian-Mariandl eingehend - da lässt Petrenko den Walzer so langsam und verklungen scheppern, dass er sich genauso alt und verblüht anhört, wie das Ochs in dem Moment schon ist (aber es selbst noch nicht weiß).

Petrenko lässt die Musik anregend mit erzählen, auch weil er die Figuren pflegt, was die durchweg großartigen Sänger (insbesondere Daniela Sindram als Octavian und Hanna-Elisabeth Müller als Sophie) schillern lässt. Und dann, nachdem die beiden, umgarnt vom mystisch-chromatischen Geigen-Celesta-Flöten-Thema, glücklich vereint sind, holt Petrenko zum lauten Schlussakkord aus und klappt die Musik energisch zu wie den Deckel eines Buches. Und spätestens da ist die Musik über die Geschichte hinausgewachsen. Auch über die Inszenierung, die zwar in Jürgen Roses detailgetreuem Rokoko-Bühnenbild besticht, aber heute in der Trias Musik, Text und Interpretation am ältesten wirkt.