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Kurzkritik:Sakrale Wucht

Der Pianist Severin von Eckardstein in der Allerheiligen Hofkirche

Es sind bemerkenswerte Interpretationen, die Severin von Eckardstein bei seinem Klavierabend in der Allerheiligen Hofkirche vorstellt. Wenn dabei ein bestimmtes Merkmal besonders hervortritt, dann ist es die exquisite Klarheit, mit der er leise Passagen beleuchtet. Die zarte Schönheit seiner Oberstimmen ist bestechend. Das zeigt sich schon zu Beginn bei einer Auswahl aus Robert Casadesus' Préludes op. 5. In Summe stellen diese Miniaturen umfassende Herausforderungen - und so gibt es neben sanft entschwebenden Linien auch kräftige Virtuosität zu hören. Schönbergs Sechs kleine Klavierstücke op. 19 hätte Eckardstein offenbar gerne unmittelbar angeschlossen. Er verharrt einen Moment zu lange, und der Applaus sorgt für Trennung. Das Reduzierte dieser Musik ist frappierend - und tatsächlich gilt dies mitunter auch für Beethovens Klaviersonate op. 110. Eckardstein spielt den ersten Satz geradezu gläsern, gleichsam als Vorausahnung der Arietta aus der Opus 111. Umso stärker ist der Kontrast, wenn er die Kontrapunktik, die Beethoven in dieser Sonate untergebracht hat, mit so mächtigem Pedal ausstattet, dass sie im Gewölbe der Hofkirche sakrale Wucht entfaltet.

Passt Eckardsteins Handschrift nach der Pause und Wagners "Karfreitagszauber" in der Klavierbearbeitung von August Stradal auch zu Liszts h-Moll-Sonate? Sie ist ideal, um das Seitenthema blühen zu lassen. Und einfach berückend ist die friedliche Ruhe, mit der Eckardstein das Andante sostenuto darbietet. Des Nachdenkens wert ist aber die Spielweise, die er - abgesehen von triumphalen Akkorden - diesen lyrischen Momenten gegenüberstellt: Er verweigert den hochvirtuosen Läufen konsequent den süffigen Überwältigungsklang, spielt sie motorisch und herb. Ob man deshalb etwas vermisst, ist Geschmackssache. Doch selbst wenn, entschädigt einen Eckardstein umgehend, denn durch die prägnante Akzentuierung, mit der er eine Fülle an kaum je gehörten Details aus dem dichten Satz herausarbeitet, präsentiert er eine spannende individuelle Lesart dieser Sonate.