Kurzkritik Liebeshauch

Ein Liederabend mit Anja Harteros

Von Klaus Kalchschmid

Zwischen einer wunderbar differenzierten Arabella bei den Münchner Opernfestspielen und vor ihrer Elsa im neuen Bayreuther "Lohengrin" nahm sich Anja Harteros Zeit für einen Liederabend im ausverkauften Nationaltheater und widmete ihn, wie vor vier Jahren am gleichen Ort, ausschließlich Schubert und Brahms. Damals verzauberte sie an der Seite von Wolfram Rieger am Flügel bei Schubert immer wieder mit Mut zu verhaltenen und geheimnisvoll abgründig fahlen Phrasen. Doch diesmal übertrieben es die Sopranistin und ihr Pianist mit dem Leisen und vor allem mit den getragenen Tempi.

Das Ende von "Suleika I" berückte noch mit immer feiner geflüsterter "Herzenskunde" als "Liebeshauch", und auch das herb-tragische "Die Liebe hat gelogen" gelang mit großer Konzentration, doch Rückerts "Du bist die Ruh" erstarb vor allzu großer Zerdehnung und versank im gestaltlosen dreifachen Piano auch des Klaviers. Das für Schubert so charakteristische Schlendern war Schleichen gewichen, seine Melodie zur Unkenntlichkeit verlangsamt. Nicht alles wurde in ein solches Extrem getrieben, mit ihrem so wunderbar farbenreichen Sopran gelang Harteros manch' schöne Phrase und raffinierte Abtönung von Vokalen, doch erst bei den Brahms-Liedern nach der Pause wurde aus dem etwas verkrampften Willen zur Gestaltung ein fließendes Sichereignen.

Sei es das "Genesen", das sich in "Auf dem Kirchhofe" auf das mürbe "Gewesen" beglückt reimt oder der todessüchtige Jüngling in "An das Veilchen"; sei es das um Fassung ringende Mädchen in "Am Sonntag Morgen", das existenzielle Fragespiel in "Der Strom" oder die Koketterie in "Junge Lieder I" und "Der Gang zum Liebchen": Bis hin zum ambivalenten "Von ewiger Liebe" wurde aus jedem Lied ein kleines, spannendes Drama. Trotz überaus herzlichem Applaus gab Harteros allerdings nur zwei, freilich hinreißend schön und subtil gesungene Brahms-Zugaben: "Dein blaues Auge" und "Guten Abend, gut' Nacht".