Kurzkritik Jenseitig

Countertenor Valer Sabadus im Prinzregententheater

Von Henrik Oerding

Dass dieses Orchester und dieser Sänger zum ersten Mal gemeinsam auf der Bühne stehen, ist eigentlich erstaunlich: Hier die Akademie für Alte Musik Berlin, eines der besten Ensembles für historische Aufführungspraxis. Dort Valer Sabadus, gefeierter Countertenor mit großer Expertise im Barock-Repertoire. Es musste erst 2019 werden, damit diese beiden für ein gemeinsames Programm zusammenfinden. Aber das Warten wurde belohnt.

Der Counter und das Orchester trafen sich im Prinzregententheater, also direkt neben der Theaterakademie, wo Valer Sabadus bis 2013 studierte. Sie kamen mit einem Programm, dass beiden Raum gibt, sich zu präsentieren: Acht Arien, die etwa von Händel oder Caldara für die beiden Kastraten Giovanni Carestini und Felice Salimbeni geschrieben worden waren, verbunden mit drei barocken Sinfonien von Ignaz Holzbauer, Johann Gottlieb Graun und Johann Philipp Kirnberger.

"Empfindsamkeit" ist das Programm übertitelt, denn die Kastraten sollen mit ihrem gefühlvollen Vortrag die Zuhörer regelmäßig bezaubert haben. Auch Valer Sabadus besitzt in seinem Gesang eine emotionale Intelligenz, wie man sie sonst nur selten hört. Das fällt etwa in Händels "Scherza infida" aus "Ariodante" auf, in der er die schmerzvolle Todessehnsucht durch seinen Gesang plastisch werden lässt. Sabadus Stimme ist leicht und beweglich, dabei auch in jedem Melisma kontrolliert. Unwahrscheinlich klare hohe Töne geben seinem Gesang etwas Jenseitiges.

Natürlich kann auch Sabadus die gewisse Gleichförmigkeit der Barockarien nicht verbergen: Ein eher nebensächlicher Text, A-Teil, B-Teil, da capo, Kadenz. Was er aber daraus macht, ist erstaunlich: In jeder Arie verziert er das Ende anders, trillert, wechselt zwischen den Oktaven, spielt mit der Dynamik. Nur in manchem Piano in tieferen Lagen verliert sich seine Stimme etwas und büßt ihre Strahlkraft ein, die sie sonst in der Höhe so auszeichnet.

Die Akademie für Alte Musik begleitet den Counter stets umsichtig und zurückhaltend, in den Sinfonien spielt sie dagegen auf und zeigt, welche Kraft in der barocken Instrumentalmusik liegt. Man kann also nur hoffen, dass dieses Orchester und dieser Sänger künftig noch öfter zusammenkommen.