Kurzkritik Im Extrem

Das MKO mit Flötist Maurice Steger

Von Klaus Kalchschmid

Was für eine feine Ironie beim Konzert des Münchener Kammerorchesters mit Konzertmeisterin Yuki Kasai auf der abgedunkelten Bühne des Prinzregententheaters: Fünf Sitzgruppen um je eine alte Stehlampe, deren Dekors um den höchsten Grad an Hässlichkeit wetteiferten. Was da später je vier oder fünf Spieler in einer Gruppe um diese Lichtquelle musizierten, war jedoch keine Hausmusik, sondern Terry Rileys hochkomplexes "In C" aus dem Jahr 1964. Es ist zugleich das erste Stück Minimal Music und ein bedeutendes Werk der Aleatorik, also dem Zufall verpflichtete Musik, hier bei freier Wahl des Instrumentariums aus 53 fast beliebig kombinierbaren "Patterns" bestehend. Gewisse Regeln wie, dass nie mehr als drei Patterns gleichzeitig erklingen, mussten freilich befolgt werden: ein Rätsel, wie das dem Orchester gelang.

Das waren 40 Minuten, wie sie spannender im Zusammenspiel und klüger in der Dramaturgie nicht hätten sein können. Auch die Wahl des Instrumentariums funktionierte: außer solistischen Streichern Blockflöte, Oboe, Fagott und Theorbe nach dem schnell tackernden Puls des Cembalos; also exakt die Besetzung, in der vor der Pause Corelli und Vivaldi aufgeführt wurden. Auf Michael Tippetts "Fantasia concertante on a Theme of Corelli" folgten da unmittelbar aufeinander Vivaldis zwischen schnell vibrierenden Sätzen und verträumten Largos wechselndes Flötenkonzert g-moll RV ("La notte") und Toshio Hosokawas "Nacht-Schlaf", beides ebenfalls schon optisch eine nächtliche Meditation, die mit zwei musikalisch perfekt zueinander passenden Stücken eine Brücke über die Jahrhunderte schlug.

Maurice Steger war bei alledem der Solist: mal wie verrückt seine Blockflöte geräuschhaft und in schnellem Tempo anfauchend, mal getragen sich aussingend. Dass er dabei in jeder Hinsicht ins Extrem ging und eine bühnenreife Show absolvierte, mögen Puristen bedauern, das Publikum liebt nicht ohne Grund solches Virtuosentum.