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Kurzkritik:Hingebungsvoll

Der junge Pianist Aaron Pilsan im Herkulessaal

Es ist faszinierend, von welch kompletter pianistischer Welt bei Chopin sogar die kleinen Kompositionen erzählen. Das gilt etwa für die Zwölf Etüden op. 10, die der 21 Jahre alte Pianist Aaron Pilsan bei "Klassik vor Acht" im Herkulessaal spielt. Nimmt man allein die ersten drei Etüden, wird hier alles gezeigt, was Klaviermusik ausmacht: Virtuosität in prasselndem Forte, subtil geschichtete Finesse, anmutige Melodik und Stimmengewichtung, tänzerisch rhythmische Rasanz. Natürlich nimmt sich ein Pianist wie Pilsan des kompletten Zyklus bis zur Revolutionsetüde Nr. 12 an - mit seinem unbeschränkten technischen Können, mit seiner untrüglichen Klangvorstellung, mit seiner interpretatorischen Weitsicht und Hingabe. Man sieht ihm diese Hingabe an - was nicht heißt, dass man des Visuellen bedürfte, um das Konzert auf sich wirken lassen zu können. Pilsan gehört zu jenen Pianisten, denen es gelingt, ihre Musikalität nicht nur gesamteindrückliche Darbietung, sondern pure Klangessenz werden zu lassen.

Trotz des Chopin-Erlebnisses erklingt das zentrale Ereignis schon zuvor: Nach Bachs eröffnender, von Pilsan perfekt konturierter Französischer Suite Nr. 1 spielt er George Enescus Suite Nr. 3 "Pièces Impromptus" op. 18. Diese Musik hört man selten - und sie ist wunderbar. Herrlich in ihrer pastellenen Farbigkeit und ihrem entrückten Pianissimo. Zauberhaft in ihrer fragilen, manchmal gebrochenen Schönheit, gerade im finalen Stück "Carillon Nocturne" mit seinen zur Melodie parallelgeführten glockenspielartigen Dissonanzen. Das ist meditativ, unprätentiös - und dabei unerhört schwer.

Erwachsener kann ein Programm kaum sein. Deshalb ist es irgendwie beruhigend, dass sich Pilsan nach der ersten Zugabe noch einmal ans Klavier setzt und Fazil Says rabiat verjazztes Rondo Alla Turca in die Tasten donnert. Hier bricht sich das Artistische Bahn, mit dem manche seiner Altersgenossen ganze Klavierabende bestreiten. Pilsan kann also auch das. Wen wundert's.