Kurzkritik:Groll des Südens

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Leseprobe

Einen Auszug aus dem Roman bietet der Verlag hier an.

Gioacchino Criacos Kalabrien-Roman "Schwarze Seelen" nutzt das Krimi-Genre, um die soziale Misere seiner Heimat zu schildern.

Von Henning Klüver

Der kleine Ort Africo Nuovo, an der ionischen Küste von Kalabrien unterhalb des Aspromonte gelegen, hat den drei Freunden, von denen hier erzählt wird, wenig zu bieten. Sie wachsen in den späten Siebzigerjahren in ärmlichen Verhältnissen auf, in der Peripherie der Peripherie mit archaischen Wurzeln. Hier legen Unterentwicklung und ein mit der Mafia verbundenes lokales Bandenwesen den Jugendlichen vor allem zwei Zukunftsmodelle nahe: Arbeitsmigration oder Verbrechen.

Der heute 51-jährige Gioacchino Criaco, der selbst aus Africo Nuovo stammt, nutzt in "Schwarze Seelen" die Form des Kriminalromans, um mit schonungslosem Realismus von der Entstehung der moralischen Verelendung aus den gesellschaftlichen Verhältnissen seiner Heimat zu erzählen. Es ist die Geschichte seiner Generation und - obgleich frei erfunden - auch ein wenig seine eigene: Criacos Vater kam bei einer Blutfehde ums Leben, ein Bruder sitzt wegen Mafiaverbrechen im Gefängnis (SZ vom 5./6. März). Gioacchino Criaco hat sich von diesem Umfeld befreien können, er lebt heute als Rechtsanwalt und Autor in der Nähe von Mailand.

"Schwarze Seelen", 2008 in Italien erschienen, war sein erstes Buch, und man spürt den Groll, mit dem Criaco es - angeblich in nur wenigen Tagen - zu Papier gebracht hat. Die Beschreibungen der Berglandschaft an der Südspitze Kalabriens lassen Erinnerungen an literarische Vorbilder wie Corrado Alvaro und den Klassiker "Die Hirten vom Aspromonte" wach werden. Nach Motiven des Romans hat Francesco Munzi 2014 "Anime nere" gedreht, einen der besten Spielfilme über die Nord-Süd-Problematik Italiens.

Gioacchino Criaco: Schwarze Seelen. Roman. Aus dem Italienischen von Karin Fleischanderl. Folio Verlag, Bozen und Wien 2016. 247 Seiten, 22,90 Euro. E-Book 16,99 Euro.

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